Sonntag, 21. April 2013

Rückmeldungen

Es kam Besuch hochrangiger Personen aus Bad Husten in unsere kleine LASA-Außenstelle. Man macht sich regelmäßig einmal im Jahr auf den beschwerlichen Weg, um die Hinterwäldler Mitarbeiter vor Ort heimzusuchenzu besuchen, von den wichtigen Dingen der großen Politik in der Hauptverwaltung zu berichten und so zu tun, als würden sie die Sorgen und Nöte der Belegschaft interessieren. Es gelingt nicht gut. Man könnte auch sagen: Es gelingt überhaupt nicht.

Dr. Strebsinger hatte für die nächste Dienstbesprechung um unsere Rückmeldung zu diesem Besuch gebeten. Da macht man sich im Vorfeld auch so seine Gedanken…

„Nun, Herr Paterfelis, wie haben Sie den Besuch aus Bad Husten empfunden?“

Ach, Herr Dr. Strebsinger, was soll ich sagen? Wieder einmal haben die Herrschaften unsere Zeit – übrigens auch die gesamte Mittagspause, die wir trotzdem nacharbeiten müssen - dazu genutzt, uns von Zielplanungen zu erzählen, die mit unserer Lebenswirklichkeit so gar nichts zu tun haben. Wir kämpfen hier um unser nacktes Überleben. In Bad Husten hingegen wundert man sich, daß unser Fachbereich Unmittelbare Kundenbetreuung nach Reduzierung des Personalbestandes auf weniger als die Hälfte nicht mehr die bisherigen Zahlen schafft und einen elend langen Terminvorlauf aufbaut. Wir mussten uns anhören, daß es doch ganz toll sei, daß bei uns zwei freie Stellen nahtlos nachbesetzt wurden und deswegen keine Belastung bei uns entstanden sein soll, ignoriert dabei aber die Tatsache, daß die neuen Kollegen erst monatelang einzuarbeiten sind und wir deswegen ein dreiviertel Jahr zusätzlich Dauervertretung machen müssen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, so lautet die Devise seit langen Jahren.

Ständig werden unsere Ergebnisse mit denen der anderen Landesämter verglichen. Die Qualität, die Quantität. Alles auf vielfache Weise. Dabei wird außer Acht gelassen, daß man dort ganz andere Zielsetzungen und Arbeitsvorgaben hat. Auch beschäftigt man dort keine eierlegenden Wollmilchsäue. Dort gibt es Spezialisten, die ihr Fach beherrschen. Nicht so wie bei uns, wo jeder nahezu alles genauso perfekt beherrschen soll wie anderen Ortes die Spezialisten nur ihre jeweiligen Fachgebiete. Bei uns, wo die Ansicht Erst kommt die Technik, dann der Mensch von den Verantwortlichen ganz offen ausgesprochen wurde.

Wir werden stärker überwacht und ausgewertet als die Kassiererinnen im Schwarz-Markt. Dazu bedarf es keiner Kameras. Es gibt andere Techniken und Methoden. Jeder von uns ist von Amts wegen verdächtig, bis er seine Unschuld bewiesen hat. Der mehr oder weniger subtil aufgebaute Druck ist allgegenwärtig. Alles ist eilig. Wir ermitteln uns dumm und dusselig. Andere Landesämter machen das nicht. Sie nehmen den Antragsteller stärker in die Verantwortung. Und dennoch sollen wir schneller sein als alle anderen. Das kann nicht funktionieren. Aber diese Unterschiede werden einfach ausgeblendet. Dem sei nicht so. Aber auch wir haben Kontakte und wissen, wie es woanders läuft.

Unser Personalrat kämpft dafür, daß die vielen – auch ersatzlos verschenkten – Überstunden endlich aufhören. Und gibt im Anschluss die nicht offene Empfehlung, doch besser zum Feierabend auszustempeln und inoffiziell weiterzuarbeiten, denn zu viele offiziell verschenkte Überstunden bringen Ärger. Dann war da noch die Personalversammlung in Bad Husten, auf der ungewöhnlich viele kritische Wortmeldungen aus mehreren Außenstellen kamen. Diese Versammlung wurde von den Arbeitnehmervertretern vorzeitig abgebrochen. Hatte man Angst vor einer Eskalation? Auch hier das Es kann nicht sein, was nicht sein darf?

Wissen Sie, ich habe mal mit Hingabe und Begeisterung für das LASA gearbeitet. Ich war sogar richtig stolz darauf, hier beschäftigt zu sein. Ich war engagiert und stand hinter dem, was ich getan habe. Man hat es in den letzten Jahren mit Bravour geschafft, mir meine Begeisterung zu nehmen. Nach dem, was ich mir an Zukunftsvisionen anhören musste, überlege ich mit Schrecken, wie ich die nächsten Jahrzehnte überstehen soll. Seien Sie sich bewusst, daß hier im Raum mehrere Kollegen sitzen, die sich anderweitig orientieren. Ich beneide jeden darum, der noch die Möglichkeit hat, sich mit Aussicht auf Erfolg woanders hin zu bewerben. Für mich ist der Zug abgefahren; ich bin zu alt und zu sehr der Fachidiot. Für andere qualifizierte Tätigkeiten außerhalb des LASA ungeeignet. Nicht mehr jung genug, um nochmal bei null anzufangen. Ich muß jetzt durchhalten bis zum Ende. Denn ich habe Verantwortung zu tragen. Auch finanzielle. Und ich habe keine Idee, wie ich die nächsten Jahre unbeschadet überstehen soll.

„Herr Dr. Strebsinger, es war wie jedes Jahr.“

Mal sehen, wie die Besprechung tatsächlich verlaufen wird.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen