Montag, 15. April 2013

Lieferungen

Wir warteten seit einigen Wochen mal wieder auf den Nachschub frischer Aktendeckel aus der Hauptverwaltung in Bad Husten. Einige Geschäftsvorfälle werden bei uns rein digital bearbeitet, aber bei dem weitaus größten Teil ist das noch nicht möglich. Auch wenn ich dem technischen Fortschritt durchaus offen gegenüberstehe – ich muß ja nicht jeden neumodischen Blödsinn nutzen, bin aber doch immer wieder von dem beeindruckt, was machbar ist – kann das auch ruhig noch einige Zeit so weiterlaufen. Mit Papier in den Händen klappt es einfach besser.

Natürlich laufen die Bestrebungen unserer Hauptverwaltung darauf hinaus, irgendwann das papierlose Büro zu betreiben. Der Zeitpunkt, zu dem dieser Alptraum Wunschtraum erreicht sein wird, ist zwar noch nicht absehbar, aber rein vorsorglich beschafft man neue Aktendeckel nur noch sehr zögerlich. Immer, wenn wir eine Nachlieferung erhalten, besteht diese aus zerfleddertem Zeug, das nur noch von Klebestreifen und Tackernadeln zusammengehalten wird. Erbärmlich. Jedenfalls war eine solche Lieferung lange überfällig; man wusste in unserer Außenstelle schon nicht mehr, wie wir den ganzen Schriftwechsel abheften sollten. Es war ja  nichts vorhanden, was man zu diesem Zweck nutzen könnte.

Aufgrund meiner langjährigen Berufserfahrung habe ich in meiner vorausschauenden Arbeitsweise – für die jüngeren Leser: ihr nennt das heute Workflow -  durch geschicktes Umheften und aktendeckelloses Archivieren eine stille Reserve anlegen können. Auf diese Reserve werde ich noch einige Zeit zugreifen und zu Schwarzmarktpreisen (nein, nicht DER Schwarzmarkt vom Einkaufen, sondern der andere, preisintensivere, der verboten ist) an die verzweifelten Kollegen weiterverkaufen. Ich bin ja nicht ohne Grund der offizielle Seniorsachbearbeiter unseres Fachbereiches vor Ort und stets hilfsbereit…

In unseren Gedanken vertieft kämpften wir gegen die verschiedenen anderen Ärgerlichkeiten des Büroalltages, als es auf dem Gang vor unserem Büro laut wurde. Es polterte und quietschte, schließlich rummste es. Mandy stieß einen Freudenschrei aus. „Neue Aktendeckel! Endlich!“

Ich warf einen Blick auf den Gang und stellte nüchtern fest, daß es sich um - Klopapier handelte. Palettenweise Klopapier. Mannshoch gestapelt. Natürlich wieder von der Sorte, wie man sie auch gerne als Schleifpapier verwenden würde, wenn es nur etwas stabiler wäre. Ich teilte es Mandy mit.

Sie zog einen Schmollmund. „Och Mensch, wer braucht hier denn so viel Klopapier?! Das reicht ja für mehr als ein Jahr. Ich will endlich neue Aktendeckel.“

„Nun ja, so ein großer Unterschied besteht da jetzt auch wieder nicht, nur die Anwendung wird im gegenseitigen Austausch etwas komplexer werden.“

„Blödmann! Aber warum schicken die uns so viel? Hat da jemand die Bestellung vertauscht?“

„Vielleicht hättest du nicht so oft sagen sollen, wie beschissen hier alles ist…“

„PATERFELIS!“


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