Dienstag, 23. April 2013

Kognitive Dissonanzen

Wieder einmal hatte ich Eintrittskarten für eine von Rajivs Vortagsveranstaltungen besorgt. Beim ersten Mal  hatte ich ein echtes Problem damit, denn die von mir begehrte Karte gab es nur in der örtlichen katholischen Bücherei zu erstehen, welche als Veranstalterin für die Vortragsreihe fungierte.

Na und? Wo ist das Problem?

Natürlich spielte mir auch hier meine Phobie wieder einen Streich. Vor dem ersten Vortrag war ich noch nie in dieser Bücherei. Ich wusste aber wenigstens grob, wo ich sie suchen musste. Und da haben wir schon das erste Problem: Ich müsste also unter Umständen in der Öffentlichkeit etwas suchen, was ich nicht finde, könnte hilflos herumirren und entsprechend auffallen. Mit diesen in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzenden Gedankengängen sind die ersten Ziegelreihen der imaginären Mauer gelegt.

Habe ich den Ort meines Begehrs gefunden, sind wir bei den nächsten Reihen angelangt. Wir wechseln jetzt zu Feldsteinen. Diese kommen auf die Ziegelreihen drauf. Nicht schön, aber wer fragt? Denn was ist, wenn man in der Bücherei überhaupt nicht weiß, was ich will? Wenn die Mitarbeiterin nicht informiert ist? Mache ich mich zum Affen?  Die Gedanken kreisen immer mehr. Doch an der Tür hängt ein Plakat, welches auf die Veranstaltung hinweist. Gut, das ist eine mentale Stütze, an der ich mich festhalten kann. Denn ich kann auf dieses blöde Stück Papier verweisen.

Die Mauer war überwunden, ich hatte meine Karte. Zwar erst auf den letzten Drücker, aber immerhin. Es hat ja nur eine Woche, drei Anläufe und mehrere Ausreden zur Selbstverarschung gebraucht, bis ich mich tatsächlich auf diesen Weg gemacht habe. Aber immerhin erfolgreich.

Der Weg zum Vortrag selbst war etwas einfacher. Die Veranstaltung fand offensichtlich nicht in der Bücherei selbst statt, sondern in einem Raum im Obergeschoss. Das wusste ich vorher nicht, hatte so etwas aber vermutet. Schon vor dem Gebäude stehend konnte ich erkennen, daß ich mit meiner Theorie nicht ganz so daneben lag. Gut, ich war wieder ein Stück weiter. Nun noch den Eingang finden. Wie praktisch, zwei Damen kamen vorbei und gingen zielsicher in die passende Richtung. Ich beobachtete sie etwas, hörte Stimmen und war mir dann sicher, daß ich hier richtig war. Also durchatmen und rein.

Heute gab es also den nächsten Durchgang. Die Karten zu besorgen – die zweitbeste Ehefrau von allen würde mich dieses Mal begleiten, da die Anwesenheit bei diesem Vortrag zu ihrer Trainerausbildung passte – war kein Problem. Ich kannte mich jetzt aus, was mich sicherer machte. Daß ich nicht früher zum Kauf gekommen bin, war dieses Mal nur eine rein organisatorische Sache. Geht doch.

Rajiv war schon vor Ort, baute gerade seine Materialien auf. Er ist eher klein gewachsen, hat eine ziemlich dunkle Hautfarbe und pechschwarze Haare. Ich höre ihm gerne zu, denn seine Vorträge haben neben dem zu erwartenden Informationsgehalt auch einen gewissen Unterhaltungswert. Rajiv vermittelt sein Thema auf publikumsfreundliche Weise in einem sehr angenehmen, akzentfreien Deutsch.

Wenn ich in einem Spielfilm einen offenkundig nicht aus dem mitteleuropäischen Ureinwohnerkreis stammenden Menschen, also einen Asiaten oder Farbigen sehe und auch reden höre, dann spricht dieser im Regelfall natürlich auch ein gutes Deutsch. Es lebe die Synchronisation, da macht man sich keine Gedanken drüber, unabhängig davon, wo der Film spielt. Im realen Leben wirkt ein akzentfrei Deutsch sprechender Asiate oder Farbiger schon etwas anders auf mich. Etwas ist falsch an der Kombination von Bild und Sprache. Irgendwie fehlt da eine Sprachfärbung, die das menschliche Hirn wohl erwartet. Rajiv selbst geht es nach eigenem Bekunden auch so; man nennt es kognitive Dissonanz. Eine höchst natürliche Angelegenheit also und damit nichts, was einem peinlich sein müsste. Trotzdem bleibt ein unbehagliches Gefühl, denn ich behaupte immer, daß mir die Hautfarbe von Menschen absolut egal ist, gleich ob diese nun weiß, braun, schwarz, rot, gelb oder grün ist.

Ok, bei Grün hätte ich wohl doch ein Problem der anderen Art

Der Vortrag verlief in guter Stimmung, die Zuhörer beteiligten sich mit Fragen an der Veranstaltung. In der ersten Reihe saß Herr Petermann. Er hatte sich etwas verspätet, war aber noch grob annehmbar im Zeitrahmen erschienen. Seine mit Sicherheit mehr als achtzigjährigen Augen leuchteten selbst für uns von hinten erkennbar (ha, Röntgenblick) freudig auf, als Rajiv sich über die ayurvedischen  Vorzüge des Honigs ausließ. Pure Energie, keinesfalls schädlich. Herr Petermann ist seit über 30 Jahren als Imker tätig. Ja, das war eine Aussage, die ihm gefallen musste.

Doch irgendetwas brannte ihm auf den Nägeln. Er beobachtet Rajiv und dachte erkennbar nach. In einem Moment, als Rajiv kurz innehielt, bevor er einen neuen Aspekt des Themas beleuchten würde, fragte Herr Petermann in die sich anbahnende Stille:

„Sagen Sie mal, wo stand eigentlich Ihre Wiege.“

Rajiv ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „In Gutterdorf, in der Nähe vom Burgberg.“

„Hier auf dem Burgberg?“

„Ja.“

„UNSEREM Burgberg?“

„Ja, unserem Burgberg.“

„Nein!“

„Doch!“

Herr Petermann war sichtlich erstaunt. „Waaaas? Nein, ich meine jetzt aber gebürtig.“ Seine Stimme überschlug sich fast.

„Ja, meine ich auch. Ich bin hier geboren. Meine Eltern stammen aus Indien.“ Und im Nachsatz, mit einem Zwinkern „Ich bin sozusagen ein Indogermane.“

Herr Petermann war beruhigt. Rajiv nahm seinen Vortrag wieder auf. Es ging weitläufig auch um das Thema Ernährung.

„Dann ist aber sicher alles, was hier an Lebensmitteln üblich ist, tabu für Sie.“ ertönte die Stimme Herrn Petermanns.

„Nö, ich esse alles.“

„Auch eine schöne Schweinshaxe?“

„Ja, auch eine schöne Schweinshaxe. Und Döner. Und Schokolade. Und die anderen ungesunden Sachen auch hin und wieder.“

Kognitive Dissonanzen eben.



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