Donnerstag, 4. April 2013

Ein Ausbruch (4)

Ich komme nach Hause, es ist noch Zeit genug. Wie immer halte ich vor dem Haus, lade aus und fahre den Wagen in den Carport. Ich bin noch aufgekratzt, habe mich längst nicht wieder beruhigt. Das Zittern hat nachgelassen, meinen Blutdruck möchte ich jetzt nicht messen. Die Wohnung ist für meinen Geschmack überhitzt, aber ich war ja vorher auch in der Eiseskälte des diesjährigen Frühjahres unterwegs. Die Einkaufstaschen stelle ich erst mal vor der Küche ab, nur raus aus den Klamotten. Schnell muß es gehen, ich habe Sachen für Kühl- und vor allen Dingen auch den Eisschrank dabei. Selbst wenn ich weiß, daß die nicht mit Lichtgeschwindigkeit dort eingelagert werden müssen, habe ich dennoch immer den inneren Zwang, das schnellstmöglich zu erledigen. Klappt aber nicht. Die zweitbeste Ehefrau von allen ist gerade dabei, ihr Essen für den Tag fertig zu machen, blockiert die Küche und braucht auch noch was von meinen Einkäufen. Ich bin noch nicht wieder runter auf Normalniveau und werde noch etwas Zeit brauchen.

Selbst die heimische Wohnung gibt mir meine Sicherheit nicht zurück. Sie ist unaufgeräumt. Das ist nichts Weltbewegendes. Mich bringt das aber immer wieder an Belastungsgrenzen, macht mich unsicher und lässt mich auch zu Hause nicht zur Ruhe kommen. Ich reagiere etwas ungehalten auf meine Angetraute, aber das ist schnell vorbei. Hat sie es überhaupt in dem Ausmaß wahrgenommen, wie ich es im Inneren in diesem Moment tatsächlich meinte? Es fällt mir weiterhin schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, versuche aber trotzdem, mich zur Ruhe zu zwingen. Ich zittere immer noch ein wenig, fühle mich schlapp, die Hände sind eiskalt.

Meine Angetraute verschwindet in Richtung Trainerschule, ich kann die kühlpflichtigen Einkäufe fahrig wegräumen. Ich muß jetzt was essen. Irgendwas. Nervennahrung. Ich schnappe mir den Stremellachs, den ich heute gekauft habe. Er war eigentlich für das Sonntagsfrühstück gedacht, aber das stört mich jetzt nicht. Ohne Sinn und Verstand ziehe ich mir die Packung rein. Schade um das teure Stück. Ich werde etwas ruhiger, setze mich auf unser als Monster bekanntes Sofa und beginne, diesen Eintrag zu schreiben. Lilly kommt, kuschelt sich an mich. Ich zittere immer noch, bin aufgewühlt, versuche mich auf diesen Text zu konzentrieren. Der Körperkontakt mit Lilly tut gut. Meine Hand liegt auf Ihrer Flanke, die Kleine brummt vor sich hin, ist mit sich und der Welt zufrieden. Ich schreibe ausschließlich aber doch zügig mit der rechten Hand.

So, das war die Geschichte, die ich dieses Mal erzählen wollte. Keine wundersame Auflösung, kein mehr oder weniger gelungener Gag am Ende, kein (Alp-)Traum. Auch das ist mein Leben, mein Alltag.

Seit Tagen überlege ich, ob ich auch mit diesen Erlebnissen und meiner Erkrankung an die Öffentlichkeit gehen soll, denn immerhin lesen hier auch Menschen mit, die mich persönlich kennen. Einige wissen, was los ist, andere nicht. Ein Geheimnis habe ich nie daraus gemacht, aber ich habe es auch nicht unbedingt an die große Glocke gehängt. Dies zu schreiben und auf den Veröffentlichen-Button zu drücken verlief nicht ganz emotionslos. Ich bin gespannt, was draus wird.

Ich habe eine Soziophobie. Und was ich hier beschrieben habe, war ein für meine Verhältnisse mittelschwerer Ausbruch.

Und jetzt werde ich die restlichen Einkäufe wegräumen, mich um den kaputten Lattenrost kümmern, saugen, eine Glühbirne wechseln, Wäsche waschen und bügeln sowie das Essen für heute Abend vorbereiten. Eventuell schreibe ich noch ein paar Blogeinträge und baue die Textreserve für schlechte Zeiten weiter aus. Was man halt so an einem Wochenende macht.

Und wenn es mental wieder wirklich richtig gut läuft, dann schaffe ich es heute auch, nach draußen zu gehen und den Müll wegzuwerfen. Selbst wenn das bedeutet, daß ich einen Nachbarn treffe. Doch es wird mit Sicherheit zu einer Uhrzeit geschehen, zu der dies eher unwahrscheinlich ist.

(Ende)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen