Mittwoch, 3. April 2013

Ein Ausbruch (3)

Im Auto bin ich relativ ruhig, das Radio dudelt vor sich hin. Ich fahre wie immer, erreiche den Onkel Tom, parke abseits, atme durch, schnappe mir den Einkaufswagen und stürze mich ins kaum vorhandene Gewühl. Dennoch geht es schon wieder los. Wieder fühle ich mich gehetzt und beobachtet, ich zittere etwas, bekomme ein Schwächegefühl, halte den Einkaufswagen verkrampft fest. Das Spiel aus dem Schwarzmarkt wiederholt sich. Vor dem Regal mit den exotischeren Lebensmitteln verliere ich beinahe die Fassung. Ich benötige einige Dinge, von denen ich nur vermuten kann, daß sie sich hier befinden, sofern sie Onkel Tom überhaupt führt. Ich suche, suche, suche, werde fahrig, das Auto muß wieder nach Hause, was soll ich überhaupt noch kaufen? Ich gucke zum x-ten Mal auf den Einkaufszettel und kann mir so einfache Dinge wie Basilikum und Bauernbrot nicht merken. Und mehr steht da nicht drauf, alles andere wurde von mir bereits als erledigt durchgestrichen.

Wieder ist ein Gang blockiert, weil ein Kunde seinen Wagen schräg abgestellt hat und im Dosenregal irgendetwas sucht. Meine Angetraute würde den quer gestellten Wagen je nach Laune vorsichtig oder rabiat zur Seite schieben auf diesen Kunden erzieherisch einwirken, aber ich kann das nicht, wage es nicht, vermeide jegliche Kommunikation. Also wieder zurück, ab in den Nachbargang, weiter in Richtung Ziel. Was brauche ich noch? Bauernbrot und Basilikum. Den Letzteren als Tiefkühlprodukt. Ich finde im Regal kein ganzes Bauernbrot, könnte aber die Verkäuferin hinter der Backwarentheke danach fragen. Nein, natürlich mache ich das nicht, ich kann mich nicht überwinden. Dann finde ich ein anderes geeignetes Brot und packe es ein. Schnell zur Kühltruhe. Seit Wochen will ich wieder einen tiefgekühlten Kräutervorrat anlegen, aber die Auswahl im örtlichen Einzelhandel scheint sich in letzter Zeit auf Dill, Petersilie und Knoblauch zu beschränken. Davon habe ich noch reichlich im Eisschrank, ich brauche Basilikum.

Das Basilikum ist da. Es soll Menschen geben, die sich darüber freuen würden. Ich nicht, ich nehme es billigend zur Kenntnis und packe ein. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mich zuletzt wirklich über irgendwas richtig gefreut habe. Nein, auch wenn es um wichtige Dinge geht und nicht nur um so ein blödes Paket Basilikum, nehme ich im Erfolgsfall die Dinge nur emotionslos, vielleicht auch mal mit einem unterschwelligen guten Gefühl billigend zur Kenntnis. Klappt etwas nicht, bin ich schon eher mal ungehalten oder durchaus auch betrübt, aber im positiven Sinne komme ich nicht weiter. Die zweitbeste Ehefrau von allen weiß das, kann es nicht verstehen. Niemand kann es wohl verstehen. Ich auch nicht.

Ich gehe beschleunigten Schrittes zur Kasse. An dieser Engstelle muß ich noch durch. Es gibt keine Chance, das zu vermeiden. Es geht mir nicht um das Bezahlen, aber hier versammeln sich Menschen, denen ich nicht ausweichen kann. Ich MUSS da durch. Um diese Uhrzeit sollte es schnell gehen, aber auf der Suche nach der Kasse mit der vermutlich kürzesten Wartezeit sehe ich das Elend – nur zwei von zehn Kassen sind geöffnet. Die Schlangen sind entsprechend lang. Mir sitzt die Zeit im Nacken – nein, ich habe Zeit genug. Der Verstand weiß es, dringt aber nicht durch. Die Auswahl der freien Kassen schränkt sich weiter ein, denn eine dieser beiden Kassen ist die Schnellkasse, die man nur nutzen darf, wenn man weniger als zehn Teile im Wagen hat. Ich habe mehr, also geht es zur einzigen normalen Kasse.

Als ich mich anstelle, wird die benachbarte Kasse geöffnet. Ich nehme es billigend zur Kenntnis und wechsle rüber. Ein Herr ist vor mir da. Ein zweiter nähert sich, er hat nur ein Teil. Ich überwinde mich und signalisiere durch eine kurze Handbewegung, daß ich ihn vorlasse. Besser, ich habe den vor mir als daß er hinter mir darauf wartet, daß ich fertig werde. Ansprechen werde ich ihn bestimmt nicht. Er bedankt sich, ich versuche ein gequälteshöfliches Lächeln zustande zu bringe. Ich will hier nur noch raus. Ich zittere, kann meine Gedanken kaum noch zusammenhalten. Beginnen die Augen tränenfeucht zu werden? Ich weiß es nicht, aber da mein Blick noch ungetrübt ist, scheint da noch alles in Ordnung zu sein. Warum ist es so unendlich heiß in diesem Laden?

Der Typ vor mir an der Kasse ist fertig, schiebt den Wagen vor.  Ich schiebe meinen Wagen nach, als ich bemerke, daß er nochmal zurück muß. Er bezahlt mit Karte, die steckt noch im Kartenleser. Kommunikation ist unvermeidlich. Ich stelle meine Wagen schräg, versuche zu lächeln. Man bedankt sich, erledigt die Kassenformalitäten, verschwindet.

Auch mein Einkauf ist schnell abkassiert. Ich mache zügig Platz, will niemandem im Weg stehen, verlasse den Laden. Alles wandert in den Kofferraum, ich bin wieder auf dem Weg nach Hause.

(wird fortgesetzt)





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