Freitag, 26. April 2013

Die Katzenbande - Miss Daisy (3)

Es begann eine nervenaufreibende Zeit, denn einerseits machte sich die mentale Belastung aufgrund der wirklich lebensgefährlichen Erkrankung bemerkbar, andererseits setzte die Medikamentenversorgung uns auch körperlich zu. Denn diese Versorgung musste in einem festgelegten, engen zeitlichen Rahmen erfolgen. Da gab es nichts mehr mit längerem morgendlichen Ausschlafen oder abendlichem früheren Zubettgehen, geschweige denn einer längeren Abwesenheit. Die Medikamente mussten pünktlich gegeben werden. Ich übernahm die erste Frühschicht an sieben Tagen pro Woche, was ein Aufstehen um drei Uhr verlangte, die zweitbeste Ehefrau von allen war für die zweite Frühschicht, sowie die Nachtschicht zuständig. Am Tag wechselten wir uns ab, um die Infusionen kümmerten wir uns gemeinsam. Meine Angetraute wollte es sich nicht nehmen lassen, die Infusion selbst zu legen, obwohl sie nahezu Panik vor Spritzen und dergleichen entwickeln kann. Ich ging nur noch nur Arbeit, um mich abzulenken. Meine Angetraute befand sich zu dieser Zeit mitten in einer Weiterbildung und hatte somit ebenfalls eine zusätzliche Belastung zu tragen.

Daisy, eine Dame setzt sich aber so nicht hin
 
Daisy zeigte sich – ganz ihrer Mentalität entsprechend – tapfer und kämpfte um ihr Leben. Trotz ihres schwachen Allgemeinzustandes bleib sie die Chefkatze und nahm auch weiterhin am Familienleben teil. Sally und die zwischenzeitlich hinzugekommene Lilly hatte sie im Griff. Daisy ließ sich auch nicht davon abhalten, die gut acht Jahre jüngere Lilly durch die Wohnung zu jagen, wenn diese ihr gegenüber zu keck wurde. Und es ist nicht übertrieben, wenn ich bemerke, daß Daisy sich während dieser Jagden - sehr zu Lillys Leidwesen - bis zuletzt als die deutlich schnellere und geschicktere von Beiden erwies.

Vier Wochen später, an einem Donnerstag, hatte meine Angetraute mich aus dem Büro abgeholt. Daisy zeigte an diesem Tag ein insgesamt ungewöhnliches, uns schon beängstigendes Verhalten und zog sich zunehmend zurück. Es stand wieder ein Tierarzttermin an, den wir gemeinsam wahrnehmen wollten. Als wir in der Wohnung waren, bemerkte ich mit Schrecken, daß Daisy es sich auf meinem Bett gemütlich gemacht hatte. Das war sehr ungewöhnlich, denn sonst war das nicht eine ihrer üblichen Verhaltensweisen. Ich begann eine umfangreiche Kuschelrunde, die sie willig und ausdauernd mitmachte. Dennoch ahnte ich schon, daß es das letzte Mal sein würde. Ich verließ kurz das Schlafzimmer. Als ich Minuten später wieder einen Blick hinein warf, war Daisy verschwunden. Wir suchten sie und fanden die Kleine schließlich unter dem Bett. Das war für mich das entscheidende Zeichen, daß es vorbei war. Daisy hatte aufgegeben und zog sich von uns und dem Rest der Katzenbande zurück.

Die damalige Katzenbande in Eintracht auf dem Monster
 
Es war ein hartes und für uns schmerzvolles Unterfangen, Daisy aus ihrem Versteck hervorzuholen. Wir fuhren mit ihr zum Tierarzt. Dort wurde sie nochmals untersucht und gewogen. Waren wir während der vier Wochen unseres verzweifelten Bemühens um ihr Überleben um jedes Gramm der erreichten Gewichtszunahme froh, mussten wir dieses Mal feststellen, daß sie in den letzten zwei Tagen wieder spürbar abgenommen hatte. Von der früheren Vier-Kilo-Katze war nur noch ein Häufchen Elend mit einem Gewicht von deutlich unter drei Kilo übrig geblieben. Wenn wir auch nur den Hauch eines Zweifels an unserer Entscheidung gehabt hatten, dann war dieser jetzt zur Seite gefegt. Gegen das Offensichtliche konnten wir uns nicht mehr wehren. Wir stimmten darin überein, Daisy einschläfern zu lassen.

Unsere Tierärztin ließ uns genügend Zeit, um letztmalig Abschied zu nehmen. Dann gab sie die erste Spritze, die dazu führen sollte, daß Daisy einschlief. Eine normale Betäubung. Es dauerte seine Zeit, denn Daisys Körper war schon so schwach, daß sich das Betäubungsmittel nicht allzu schnell verteilte. Doch dann war sie schließlich eingeschlafen. Die zweite Spritze wurde gesetzt, welche zum Herzstillstand führen sollte. Nach einigen Minuten, in denen wir der schlafenden Daisy noch über das Fell streichelten, stellte die Tierärztin schließlich fest, daß das Herz aufgehört hatte zu schlagen und gab die vorgeschriebene dritte Spritze. Daisy war tot. Meine Angetraute bat mich, Daisys leblosen Körper noch in eine andere Position zu bringen. Ich tat dies und erschreckte mich darüber, wie leicht es jetzt möglich war, den Körper zu bewegen. Es gab keine aktiven Muskeln mehr, die gegen meine Bemühungen anhalten konnten. Eine schreckliche Konfrontation mit der Realität.




Schließlich war es an der Zeit, endgültig Abschied zu nehmen. Meine Angetraute nahm Daisy nochmals in den Arm und knuddelte sie. Danach legte sie Daisy auf unser mitgebrachtes Handtuch und deckte sie zu. Wir haben dann den Untersuchungsraum verlassen, bevor sie einer der Praxismitarbeiter wegbrachte. Die ganze Prozedur der Einschläferung geschah sehr würdevoll, wir wurden nicht gedrängt.

Mit Daisy verloren wir eine ausgesprochen charaktervolle Katze. Sie war teilweise schrullig, hatte so ihre Macken und seltsamen Vorlieben, war die Coolness in Person Katze, wirkte aufgrund ihrer Gesichtsfärbung und Stimme ständig mürrisch und war einfach nur unendlich liebenswert.

Da es uns nicht möglich sein würde, ein eigenes Grab für Daisy in unserer Nähe anzulegen, entschieden wir uns dazu, sie im Rahmen einer Einzelkremierung einäschern zu lassen. Ihre Asche würden wir in einer Schmuckurne bei uns behalten. Man mag darüber denken, was man will. Es ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, so zu handeln, wir aber stehen zu dieser Entscheidung und werden sie wohl auch bei unseren anderen Katzen wiederholen, wenn es an der Zeit ist.


(Ende)


Kommentare:

  1. Es ist immer wieder so traurig zu lesen, wenn andere Menschen ein Tier verlieren. Ich muste Kater vor zwei Jahren auch einschläfern lassen, aber er ist immer noch bei mir. Manchmal sehe ich ihn um meine Füße laufen. Ich hatte Glück mit der Tierärztin, ich konnte so lange Abschied nehmen, wie ich wollte. Danach habe ich die Erfahrung gemacht, dass Katzen sehr wohl trauern können, den Moritz nahm ab und fühlte sich allein gar nicht wohl. Leider konnte ich ihm keinen neuen Gesellen beschaffen, denn meine Katzenallergie nahm mit der Zeit immer mehr zu. Nun ist Moritz schon 16 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund, aber ich würde mich niemals von ihm trennen. Nur wenn er mir auch genommen wird, gibt es keine Katzen bzw. Haustiere wieder. Leider.

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  2. Es tut mir Leid für Dich und Moritz. Ich hatte schon in Deinem Blog gelesen, daß er die letzte Katzengeneration in Deinem Hause sein wird.

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