Samstag, 20. April 2013

Der Bus und ich

Eine Seefahrt Busfahrt, die ist lustig, eine SeefahrtBusfahrt, die ist schön… und so weiter. Ihr könnt mit dem Mitsummen aufhören, noch mehr abgewandeltes deutsches Liedgut kommt hier nicht mehr. Hat jetzt jemand einen Ohrwurm bekommen? Pech, das Leben ist kein Ponyhof.

Busfahrten, hier mit den Linienbussen der NÖP, sind für mich auch so eine spezielle Sache. Das aber liegt jetzt weniger an der NÖP, sondern an der Tatsache als solche, daß ich höchst selten alleine in einem Bus sitze. Abgesehen vom Fahrer natürlich, den bin ich problemlos bereit zu tolerieren. Ich habe das große Glück, so ziemlich am Anfang der in die Neustädter Altstadt führenden Buslinie zu wohnen. Damit ist die Zahl potentieller Mitreisender zu diesem Zeitpunkt als durchaus übersichtlich anzusehen, was mich in die Lage versetzt, trotz meiner phobieverursachten Bedenken zumindest halbwegs entspannt einzusteigen.

Bis Ende letzten Jahres habe ich regelmäßig den zweiten Bus genommen, der morgens seine Tour begonnen hat. Damit war ich zwar eine halbe Stunde zu früh im Büro, aber ich konnte davon ausgehen, beim Einsteigen erst der dritte oder vierte Passagier zu sein. So richtig voll wird der Bus um diese Uhrzeit auch nicht mehr, niemand muß während der Fahrt stehen, und nachdem wir den Neustädter Hauptbahnhof passiert haben, war ich meistens bis zur nächsten Station, an der ich aussteigen muß, der einzige Mitfahrer. Umständehalber fahre ich zwischenzeitlich eine halbe Stunde später los, das allzu frühe Aufschlagen im Büro sehe ich einfach nicht mehr ein. Das habe ich jetzt fast fünfzehn Jahre regelmäßig gemacht; kann mal jemand die verlorenen Stunden in Urlaubstage umrechnen? Lieber nicht.

Im Regelfall sind auf meiner jetzigen Tour ein oder zwei von vier der von mir bevorzugten Sitzplätze noch frei, darüber hinaus gibt es weitere Sitzgelegenheiten, auf die ich ausweichen kann. Wichtig ist, daß sich noch niemand auf dem Nachbarsitz ausgebreitet hat. Ich käme niemals auf den Gedanken, mich zu jemanden, den ich nicht gut kenne, dazuzusetzen. Auch nicht, wenn dieser Jemand alleine in einem dieser Viererkarrees sitzt. Keine Chance, lieber stehe ich während der ganzen Fahrt. Natürlich ist es mir auch nicht besonders angenehm, wenn sich jemand zu mir setzt, aber es ist trotzdem etwas anderes. Denn dann bin nicht ich es, der in den persönlichen Bereich einer fremden Person eindringen will, sondern man will etwas von mir. Ich bin also nicht der Aggressor. Ja, so sehe ich das.

Dennoch ist auch die Eroberung einer Sitzbank für mich alleine nicht gleichbedeutend mit einer ruhigen Fahrt. An jeder Haltestelle könnte es sein, daß sich jemand zu mir setzt, was natürlich vorkommen kann. Also erhöht jeder Halt kurzfristig wieder meinen Stressfaktor. Setzt sich tatsächlich jemand neben mich, kreisen meine Gedanken nur noch darum, was ich mache, wenn dieser Mensch  bei Erreichen meiner Zielhaltestelle den Platz immer noch nicht geräumt hat. Es kommt so gut wie nie vor, daß dieser Fall eintritt, aber falls doch mal…

Ich müsste ihn ansprechen und auf meinen Aussteigewunsch aufmerksam machen. Schlechte Idee, klappt nicht oft. Plan B ist, den Halteknopf vor seiner Nase zu drücken, auch wenn es nicht mehr erforderlich ist, damit ihm klar wird, daß ich an der nächsten Station raus will. Was aber, wenn dieser Mensch schwer von Begriff ist? Weiterfahren, bis er aussteigt, dann ebenfalls aussteigen und den nächsten Bus zurück nehmen? In diesem Bus dann nicht mehr hinsetzen, sondern in der Nähe des Ausstiegs stehen bleiben? Als Option kann ich das nicht ausschließen. Wenn ich das jetzt schreibe, liest sich das auch für mich absolut irre. Aber so funktioniert das in dem Moment bei mir, wenn ich gerade mal so richtig schlecht drauf bin.

Mein bevorzugter Platz ist direkt hinter dem Fahrer. Der ist bei anderen Mitreisenden meistens ziemlich unbeliebt, vermutlich weil man unmittelbar vor einer Plastikwand sitzt, die den Fahrer nach hinten abschirmt. Ich finde das gut. Außerdem ist der zugehörige Sitzplatz je nach Busvariante entweder ein normaler Doppelsitz oder - was mir sehr entegenkommt - zwar etwas breiter, aber nur für eine Person gedacht.

Da ich mit meinen Überstunden wieder hart an der Keine-Minute-länger-sonst-gibt-es-Ärger-Grenze bin, hatte ich mich etwas später auf den Weg gemacht. Es war Ferienzeit, das Passagieraufkommen sollte geringer sein als üblich. War es auch, doch die 20 Minuten später beginnende Tour reichte aus, um die Sache für mich stressig werden zu lassen. Mit mir warteten noch fünf andere Mitreisende an der Haltestelle. Das genügte vollkommen, um wieder die ganzen wirren Gedanken hochkommen zu lassen. Die Anspannung stieg, überschritt aber noch nicht die kritische Grenze. Glück gehabt.

Das Glück hielt an, bis wir den Hauptbahnhof erreichten. Nein, es setzte sich niemand neben mich. Die während der Fahrt aufgenommene Menschenmasse verlässt hier immer fluchtartig den Bus, neue Reisende steigen nur in sehr übersichtlicher Zahl ein, und jeder findet einen Sitzplatz für sich alleine. Dieses Mal gab es im Fahrplan wohl einige Verspätungen. Der lange Bussteig war mit anderen Bussen, darunter zwei besonders langen Schubgelenkfahrzeugen, blockiert. Unser Bus konnte nicht ranfahren und hielt in zweiter Reihe. Dummerweise hat die Linie hier auch noch einen mehrminütigen Aufenthalt, und keiner der schon vor uns wartenden Busse räumte seinen Platz. Hinter uns aber musste es weitergehen, und auch die Fahrzeuge im Gegenverkehr wollten sich auf den Weg machen. Dies machten die Fahrer durch Hupen deutlich. Die Situation wurde etwas unübersichtlich und hektisch, Rangierarbeit war gefordert.

Ich geriet in Stress. ICH! Was habe ich denn bitteschön damit zu tun, außer daß ich in diesem blöden Bus sitze?! Die Angst kam hoch. Dabei konnte ich für diese Situation doch schlichtweg gar nichts. Ich war ja auch nicht Ziel des als solchen von mir empfundenen Aufruhrs. Aber ich befand mich an zentraler Position. Das reichte. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, die Gedanken wie üblich wirrer. Nur noch einige Minuten und eine Station weiter, dann würde die Erlösung kommen. Natürlich hätte ich auch aussteigen und den Rest des Weges laufen können, aber aus dem Bus aussteigen, nachdem dieser nun doch schon einige Zeit am Ort wartete, gehört auch zu diesen Dingen, die gar nicht gehen. Hat der Idiot auch schon gemerkt, daß er hier raus muß? Das ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich blieb sitzen und hielt es aus.

Niemand kann behaupten, daß ich nicht mit einer ordentlichen Menge Adrenalin versorgt im Büro ankam.



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