Samstag, 27. April 2013

Coole Jungs

Letztens habe ich mich ja unter anderem über die aktuellen Bekleidungsgewohnheiten der hiesigen weiblichen Teenager ausgelassen. Zumindest im Ansatz. Nun ist es ja nicht so, daß die semi-männlichen Gegenstücke so viel anders dahergelaufen kommen. Zwar nicht unbedingt was die Offenherzigkeit angeht, aber doch hinsichtlich der geschmacklich auserlesenen Komposition einzelner Kleidungs- und Schmuckstücke.

Als ich an diesem schönen Sonnentag mal wieder am Busbahnhof Neustädter Ländchen auf meinen Anschlussbus wartete fiel mir ein Junge auf. Das Alter kann ich schlecht schätzen, in so etwas war ich noch nie gut. Aber ich wage reinen Gewissens die Behauptung, daß der Bursche sich die Bezeichnung Teenager erst noch verdienen muß. Viel gehört ja nicht dazu, das ist eine Sache, die man auch aussitzen kann. Man wartet einfach ein paar Jahre und schwupps, schon ist es soweit. Und es ist noch schneller wieder vorbei. Zumindest rein mathematisch betrachtet.

In diesem zarten Alter jedenfalls wusste der Bursche schon, was einfach dazugehört, um rein optisch – wie man so schön sagt – einen raushängen zu lassen. Neben der immer noch obligatorischen, als Nackenschutz vor Sonnenstrahlung falsch herum aufgesetzten Schirmmütze, die nicht fest auf seinem Kopf sondern weiter oben auf den fest betonierten Haaren saß, hat er ein viel zu großes Shirt, eine seltsam geschnittene Jeans und eine lange Holzperlenkette mit einem für mich nicht näher dem Sinngehalt nach definierbaren hölzernen Anhänger getragen. Dieser Anhänger sah aus wie Rolf, an den sich die Älteren unter uns wohl noch erinnern werden, nur daß Daumen und kleiner Finger fehlten.

Besonders auffallend war sein Gang. Als sein ähnlich gekleideter Kumpel auftauchte, ging er auf diesen zu. Dabei war sein Oberkörper leicht nach hinten gebeugt, die Unterbauchzone nach vorne gestreckt und die Knie weiter voneinander entfernt als nötig, so daß man meinen könnte, dieser bestenfalls Halbwüchsige würde in der Region etwas unterhalb des Bauchnabels das Gemächt eines Hengstes mit sich herumtragen, was aber irgendwie in der Hose verstaut werden musste. Als Erwachsener fällt es mir schwer, so einen Poser auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Und wisst ihr, was das Schlimmste ist, wenn ich so etwas sehe?

Ich war früher auch nicht anders. Und ich erinnere mich mit Schrecken daran.

Grundsätzlich habe ich mich im entsprechenden Alter auch gerne als Pseudo-Motorradrocker gesehen. Allerdings war es zuweilen schwierig, meine entsprechenden modischen Ambitionen bei meiner Mutter in Reinkultur durchzusetzen. In meiner Prä-Teenagerzeit gab es natürlich schon die gute alte Jeans, die man schon lange nicht mehr Nietenhose nannte. Aber für die wehrlosen jungen Leute in meinem damaligen Alter war es noch durchaus üblich, auch Cordhosen – oder was noch schlimmer war – die so genannten Stoffhosen zu tragen. Schrecklich, ich habe die Dinger gehasst. Und schon merke ich, wie mir bei diesen Thema wieder vieles in den Sinn kommt, über das ich mich hier noch auslassen könnte, aber ich habe mir fest vorgenommen, dieses Mal nicht abzuschweifen. Meine weiterführenden wirren Gedanken werde ich später zu eigenen Blogeinträgen zusammenfassen.

Wie gesagt, wollte ich auch wie ein cooler Junge herumlaufen. Den Begriff cool kannte ich damals wohl noch nicht, und ich bin mir auch nicht sicher, ob er bei den seinerzeit wirklich coolen Typen schon im Gebrauch war. Aber er beschreibt halt die Situation ganz gut. Und nun kommen wir zu dem Punkt, an dem ihr eure Phantasie mal so richtig spielen lassen könnt.

Der kleine Paterfelis, versehen mit Bübchen-Frisur (Friseurauftrag: im Ganzen etwas kürzer, Pony franselig, Ohren halb bedeckt) und zeitgemäßer Sehhilfe im Pilotenbrillen-Design, hat Turnschuhe getragen, eine Jeans, Ledergürtel mit Hufeisenschnalle und Pferdekopfrelief. Dazu gab es eine silberne Halskette mit einem mir heute nicht mehr erinnerbaren Anhänger. Wahrscheinlich einem Sternzeichen. Das Tragen einer silbernen Halskette oder auch einer so genannten Muschelkette war seinerzeit schon nicht unüblich unter den Vertretern des männlichen Geschlechts, allerdings hat mein Vater das Tragen einer Kette stets nur den homosexuell veranlagten Männern zugeordnet. Und so was kommt von jemandem, der seinerzeit gelegentlich einen fetten Smaragdring getragen hat, an dem ein Herr Glööckler seine Freude hätte. Wie sich Zeiten und Ansichten doch ändern…

Weiter ging es mit meiner Zusammenstellung. Am linken Arm trug ich eine Armbanduhr. Auch dies ist ein Thema, mit dem ich wieder ganze Blogeinträge füllen könnte. Und wohl auch irgendwann mal machen werde. Das besondere an meiner Armbanduhr war das eigentliche Armband. Es bestand aus Leder und hatte an jeder Seite zwei Schlaufen, in denen leere Patronen steckten. Ja, so richtige Patronen, wie man sie ansonsten in Pistolen packt. Aufgebohrt und entleert, aber ungemein dekorativ. Fand ich jedenfalls. Mein Freund Holger übrigens auch, denn er hatte ebenfalls so eine Uhr mit entsprechendem Armband. Am anderen Handgelenk trug ich ein breites, ledernes Armband mit einem eingebrannten Adlermotiv.

An einem meiner Finger schließlich steckt ein dünner Ring, der in früheren Zeiten ein Nickituch zusammengehalten hat. Ja, auch diese Dinger habe ich mal getragen. Wer sich daran nicht mehr erinnern kann, dem sei gesagt, daß ein Nickituch ein Halstuch war, welches man in den Siebzigern häufiger mal ausführte. Dies ist keinesfalls mit einem Palästinensertuch zu verwechseln, die kamen erst in den Achtzigern.

Und nun kommen wir noch zur Krönung des Ganzen. Ich habe mich bislang über mein Oberteil ausgeschwiegen. Nun, bei diesem höchst geschmackvollen Kleidungsstück handelte es sich um einen apfelsinenfarbenen Nickipullover mit langen Ärmeln. Leider habe ich keine passende Verlinkung zu einem Bild von so einem Teil gefunden, weswegen ich den jüngeren Leser jetzt einfach mal im Regen stehen lassen muß. Aber eines ist sicher: Mit Coolness hatte ein solcher Pullover so rein gar nichts zu tun. Die ganze Zusammenstellung war so was von grottenpeinlich, daß ich heute noch schamhaft berührt rot anlaufe, wenn ich daran denke. Leute, ich bin so zur Schulegegangen. Hat sich aber schnell wieder gelegt. Also nicht das mit der Schule, sondern das andere.

Und ich hoffe, daß es heutigen Prä- und Vollteenagern später auch mal so geht, wenn sie sich in einigen Jahren oder Jahrzehnten zurückerinnern. Manche Dinge sollten sich einfach nie ändern. Auch nicht die peinlichen Gefühle bei den Gedanken an einigen Jugendexzessen.



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