Donnerstag, 18. April 2013

Abendliche Rituale

Es ist Zeit für mich, in die Koje zu gehen. Die Katzenbande merkt ganz genau, wann es bei mir soweit ist; sie können die Zeichen deuten. Also machen sie sich mit mir zusammen auf den Weg. Immerhin lassen sie mir genügend Zeit, noch eben die Zähne zu putzen. Man folgt mir und wartet zunächst vor dem Badezimmer. Schließlich bin ich fertig, wünsche der zweitbesten Ehefrau von allen noch eine gute Nacht und begebe mich ins Schlafzimmer.

Ich warte im Türrahmen stehend darauf, daß Lilly und Marty reinkommen. Sally hat es sich bereits auf dem Nachtschrank bequem gemacht. Am Fußende des Bettes steht ein Kratzbaum. Im oberen Teil befindet sich eine halbkugelförmige Mulde, der Topf. Wenn eine Katze darin liegt, könnte man einen Deckel auflegen, der dann auch bündig schließt. Darum nennen wir das Ding eben den Topf.

Smilla liegt im Topf, bemerkt meine Anwesenheit und lässt freudige Aufregung erkennen. Sie weiß, daß sie jetzt ein paar Streicheleinheiten bekommt. Marty und Lilly warten neben meiner Seite des Bettes auf mich. Ich bahne mir den Weg, Lilly macht bereitwillig platz. Marty ist da etwas schwerer von Begriff und muß leicht mit dem Fuß angestupst werden, damit er bemerkt, daß er mir den Weg versperrt. Aber auch er wird es noch lernen zu erkennen, wann er im Weg sitzt und wann nicht.

Das einstige Chaos während der abendlichen Leckerchenrunde hat sich in ein mehr oder weniger geordnetes Ritual verwandelt. Die Katzenbande hat jetzt ihre festen Plätze. Sally bleibt neben mir auf dem Nachtschrank, Marty sitzt auf dem Boden links neben meinem Bett, einen (Menschen-)Schritt dahinter nimmt Lilly ihre Position ein. Nur Smilla ist nicht so ganz berechenbar. Hin und wieder bleibt sie im Topf und mag kein Leckerchen, ein anderes Mal kommt sie an meine rechte Seite. Mit ihren etwas wilderen Artgenossen Lilly und Marty will sie nicht aneinandergeraten.

Smilla auf dem Monster
 
Sally erhält eine große Ration der Leckerchen in einem Napf serviert. Sie könnte sich gegen den Rest der Bande wohl nicht mehr behaupten, aber die ganze Aktion findet ja schließlich nur für sie statt. Der Rest der Truppe bekommt Leckerchen im Sparmodus. Smilla lege ich einige Bissen auf das Bett; sie frisst sie (oder auch nicht, dann wird das später jemand anderes übernehmen) und verzieht sich danach in den Topf oder zu meiner Angetrauten ins Wohnzimmer.

Lilly und Marty werfe ich ihre Rationen immer stückenweise zu. Marty schaut mich vor jedem Wurf mit seinen großen, dunklen Augen an und platzt fast vor Anspannung. Er liebt es, die Wurfgeschosse im Flug mit beiden Vorderpfoten zu fangen. Nicht immer gelingt es, dann kann es durchaus passieren, daß er Leckerchen wild aber unbeabsichtigt in eine andere Richtung schlägt. Er rennt nicht hinterher, sondern wartet auf die nächste Ladung. Lilly hingegen jagt ihren Happen immer nach. Sie versucht gar nicht erst, sie zu fangen. Sobald ich meine, daß die beiden genug bekommen haben, gebe ich die Ansage "Alle alle, Papa hat nichts mehr" und zeige meine leeren Hände. Marty begreift das sofort und fängt an, die herumliegenden Reste zu suchen. Lilly unterstützt ihn dabei vollkommen selbstlos und freut sich insbesondere auf die Stücke, die unter das Bett gekullert sind. Denn da kommt Marty nicht mehr ran, er ist zu groß geworden. In seltenen Momenten erscheint Smilla auch nochmal und mischt sich in die Suche ein. Dann verschwinden die drei jüngeren Stubentiger.

Marty und Lilly in einem Moment der Nähe zueinander

Sobald Sally fertig ist begibt sie sich an das Fußende des Bettes, putzt sich und wartet, daß ich mich in meine Schlafposition begebe. Bleibt das Licht an, weil ich noch etwas lesen möchte, legt sie sich auf meinen Oberschenkel und harrt da aus, bis ich fertig bin. Kaum habe ich das Licht ausgeschaltet, klettert sie von mir runter und erwartet meine letzte Positionsveränderung: leicht angeschrägte Bauchlage mit einem angewinkelten und einem gestreckten Bein. Sie legt sich in die so entstehende Kuhle und kuschelt sich an mich.

Gelegentlich kommt es vor, daß sie wieder verwirrt ist. Ich spüre, wie sie sich hinsetzt. Sie fängt ein leises Rufen an, wie es sonst nur Welpen von sich geben, wenn sie ihre Mama suchen. „Ist gut Sally, Papa ist ja da.“ Ich streiche ihr meistens noch kurz über den Rücken oder die Wange, danach ist sie beruhigt und rollt sich wieder zusammen.

Etwas später merke ich, wie Lilly unmittelbar rechts neben mir auf Höhe meines Kopfes ihren Platz auf der freien Matratze einnimmt und sich ebenfalls einrollt. Je nachdem, auf welcher Seite ich liege, strecke ich einen Arm aus und lege meine Hand auf sie. Lilly brummt zufrieden vor sich hin und schläft schließlich ein. Nach ein paar Minuten merke ich, wie ihr kleiner Körper anfängt, leicht zu zucken. Lilly träumt. Sie ist die einzige von allen Katzen, die ich bislang beherbergte, bei der das so ausgeprägt wahrgenommen werden konnte.

Noch etwas später erscheint Marty wieder und kuschelt sich an Sally. Sie ist nicht immer begeistert davon, da Marty dabei doch etwas ruppig vorgeht, aber schließlich arrangiert man sich. Ruhe kehrt ein. Im Laufe der Nacht werden die drei Katzgetiere ihre Positionen noch etwas verändern, vielleicht auch nochmal meine Angetraute aufsuchen, aber am Morgen sind sie meistens - außer dem Mamakind Smilla - wieder da.

Wenn ich dann aufstehe, werde ich erst mal mit den nackten Füßen auf die Reste der Leckerchen treffen, die man abends verschmäht hat. Katzen sind eben auch wählerisch.

Und am nächsten Abend wird das Ritual so oder so ähnlich wieder von vorne beginnen.



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