Dienstag, 30. April 2013

Paterfelis spielt - Indianer haben keine Pistolen

Schon als Kind habe ich zwar gerne gespielt, legte aber keinen besonders großen Wert darauf, dies mit anderen Kindern gemeinsam zu tun. Die spielten irgendwie nicht richtig, sondern immer so unlogisch. Wenn ich spielte, egal ob mit Autos, meinen Schlumpf-Figuren oder was auch immer, folgte dieses Spiel einer zumindest annähernd stimmigen Handlung. Wenn ich etwas spielerisch darstellen wollte, was es in der realen Welt einfach nicht gegeben hat, dann habe ich lange darüber nachgedacht, wie ich das erklären könnte. An solchen Dingen kann ich mich heute noch festbeißen. Wie gut, daß es Science Fiction und Fantasy gibt. Das ist meistens ein brauchbarer Ausweg für Irrealitäten. Aber auch hier gibt es Gesetzmäßigkeiten der Logik im Tun der Protagonisten, die beachtet werden müssen. Ursache und Wirkung eben.

Die Sache mit der Logik ist natürlich relativ, man muß hier durchaus mein jeweiliges Alter im Auge behalten, aber dennoch gab es einen für mich stimmigen roten Faden, der sich durch das Spiel zog. Andere Kinder in meinem Alter haben das anders gesehen, oder ich habe bei ihnen diesen roten Faden nicht erkannt. Also gefiel mir das alles nicht und war meistens froh, wenn ich nicht genötigt wurde, zusammen mit anderen spielen zu müssen. Natürlich gab es auch Ausnahmen, aber schon damals empfand ich es nicht immer als einfach. Lieber habe ich mich mit Büchern beschäftigt, sobald ich lesen konnte. Auch schlaue Bücher, wie man Sachbücher bei uns zu nennen pflegte.

Waren das schon erste Bausteine, die später Folgen zeigen würden? Nein, natürlich nicht das mit dem Lesen. Aber meine Haltung zu den anderen Kindern…

Wir spielten auch Cowboy und Indianer, Piraten, Räuber und Gendarm, Geheimagent oder sonst etwas in der Art. Gibt es das heute überhaupt noch? Ich sehe jedenfalls keine Kinder mehr draußen herumlaufen, die außerhalb von Karneval auch nur annähernd eine Cowboyausrüstung tragen oder mit einem Stirnband und Gummimesser versuchen, einen Indianer darzustellen. Ganz besonders schrecklich war es für mich, wenn meine Spielkameraden so gar kein Verständnis für die harten Realitäten des Lebens hatten. Man stelle sich vor, da kommt jemand als Indianer und hat eine Pistole dabei. Möglichst noch eine, die einer modernen Automatikpistole nachempfunden ist.

Halllooooo? Hat schon mal jemand in einem Film gesehen, daß ein Indianer eine Pistole und einen Holster trägt? Eben! Und wenn doch, dann ist der Regisseur bestimmt eine Pfeife gewesen und hatte keine Ahnung. Ein Gewehr ist für Indianer gerade noch ok, Winnitu Winnetou hatte schließlich auch seine Silberbüchse, aber keine Pistole. Und schon gar keine moderne. Geht nicht. Überhaupt nicht. Auch nicht die Spielzeuggewehre, die ein Magazin wie in einem Trommelrevolver haben. Gibt es einfach nicht. Ich habe mich schon als Kind furchtbar über so etwas aus meiner Sicht Unrealistisches aufgeregt. Das hat mir die Freude am Spielen mit anderen Kindern nachhaltig versaut. Ehrlich.

Als ich das entsprechende Alter erreichte, war ich schnell begeistert von Spielen, die nach festen Regeln abliefen. Brettspiele, Kartenspiele, Würfelspiele. Schon im relativ frühen Alter spielte ich regelmäßig bei meiner Oma eine Vor-Form des Kniffel, Dame oder auch mit Begeisterung Rommé. Gerade mit letzterem könnte ich mich auch heute noch stundenlang in einer abendlichen Runde beschäftigen, finde aber keine willigen Opfer. Einmal haben die zweitbeste Ehefrau und ich einen Versuch mit einem weiteren Pärchen unternommen, so etwas hinzubekommen, aber nachdem ich schon am ersten Abend wirklich jedes einzelne Spiel gewonnen habe, fand das keine Fortsetzung mehr.

Schade eigentlich.

(wird in loser Folge fortgesetzt)


Montag, 29. April 2013

Hallo Nachbar

Es ist für meinen Geschmack ja schon viel zu warm geworden. Zumindest an einigen Tagen in der letzten Woche, die als diesjähriger Frühling in die Historie der Wetteraufzeichnung eingehen werden. Mein persönliches Lieblingswetter findet üblicherweise an nebeligen Herbsttagen statt, aber nicht an einem fastsommerlichen Mittfrühlingstag. 24 Grad sind mir zu viel.

Egal, ich kann mich nicht davor drücken. Seit die NÖP in ihren Bussen die Klimaanlage zwecks Energieeinsparung deaktiviert hat, reichen schon lauere Temperaturen, um in diesen Metallboxen eine Prä-Sauna-Wärme entstehen zu lassen. An meiner heimatlichen Zielhaltestelle angekommen verlasse ich daher das Gefährt mit einer gewissen Erleichterung und laufe den Rest des spürbar aufwärtsgeneigten Weges bis nach Hause. Ich erwähnte ja bereits, daß ich gebürtiger und leidenschaftlicher Flachländer bin und mich mit dem hiesigen Hochgebirge nicht wirklich anfreunden kann.

Als ich in den Kirschgartenweg betrete, sehe ich schon Herrn Knutsen, unseren stets rührigen ehemals seefahrenden Ingenieuroffizier und heutigen Hilfshausmeister auf dem Balkon über uns werkeln. Unsere Blicke treffen sich, ich grüße ihn mit einem freundlichen „Hallo!“, während er mir ein ebenfalls freundliches „Hallo“ zurückruft. Dies allerdings mit dem Zusatz „Frau Paterfelis!“

Frau Paterfelis?!

Die zweitbeste Ehefrau und ich sind durchaus beide partiell gerundet. Das räume ich gerne ein. Leugnen wäre auch ziemlich zwecklos. Aber die grundsätzliche Tendenz geht dahin, daß die Rundungen meiner Angetrauten andere Stellen dominieren als die an meinem ansonsten wohlgeformten Leib befindlichen. Außerdem hat meine Angetraute längere Haare, trägt diese im Gegensatz zu mir aber nicht im Gesicht. Dafür habe ich behaarte Beine, aber das konnte man gerade nicht sehen.

Und dennoch so etwas…

Ich muß an meinem Äußeren arbeiten. Dringend.

Vorschläge?


Sonntag, 28. April 2013

Ziel erreicht

Wir hatten ein Ziel. Genauer gesagt: zwei Ziele. Wir waren uns einig, diese Ziele gemeinsam zu erreichen. Wir wollten den beschwerlichen Weg, wie es sich für ein Ehepaar gehört, mit vereinten Kräften Hand in Hand beschreiten. Die zweitbeste Ehefrau und ich haben es in hartnäckiger Kleinarbeit geschafft. Doch was soll ich viel schreiben? Die Bilder sagen mehr als tausend Worte.


Die Herausforderung wartet:




Und Sie wurde gemeistert:



Und wer jetzt so gar nicht weiß, um was es gerade geht, der ist offenkundig neu hier im Blog und sollte zum besseren Verständnis den nachstehenden Links folgen:




Samstag, 27. April 2013

Versuch macht kluch

Unlängst hatte ich ja bereits erklärt, daß ich mit meiner morgendlichen Wochenendgestaltung ein paar organisatorische Probleme habe. Heute wollte ich ausprobieren, ob es für mich Sinn macht, früh einzukaufen und direkt danach zum Sport zu gehen, zumal sich der Schwarz-Markt mehr oder weniger direkt neben dem Sporttempel befindet. Unser Balduin musste heute mal nicht zeitig für meine Angetraute zur Verfügung stehen. Mein Einkaufszettel war durchaus übersichtlich, da die zweitbeste Ehefrau und ich – mal wieder – beschlossen haben, zunächst unsere vorhandenen und eingelagerten Lebensmittelvorräte ihrer Bestimmung entsprechend zu reduzieren, bevor neuer Nachschub herangeschafft wird.

So habe ich heute Morgen neben den unvermeidlichen Einkaufstaschen mit Leergut auch meine Sporttasche und eine Kühlbox ins Auto geschleppt und bin losgezogen. Der Schwarz-Markt öffnet seine Pforten um acht Uhr, der Sporttempel um neun. Mit meinen Einkäufen würde ich nicht viel Zeit benötigen, so daß ich tatsächlich sogar später als sonst vor Ort sein musste.

Ausgebremst wurde ich vor Ort zunächst von den Leergutautomaten. Beide waren voll, es warteten bereits mehrere Kunden darauf, daß sich endlich was tut. Nun gut, ich hatte ja Zeit und konnte dem Treiben entspannt folgen. Erst nach einigen Minuten waren auch die typischen Geräusche zu vernehmen, welche darauf hindeuteten, daß die Leerung endlich vorgenommen wurde.

Im Laden selbst verlief auch alles zügig, obwohl dieser noch überall mit noch nicht verräumtem Nachschub und bereits geleerten Kartons zugestellt war. Nur an der Kasse gab es einen kleinen Engpass. Als ich mich diesen Mautstationen näherte waren noch drei an der Zahl geöffnet, was man aber just in dem Moment, als ich mich zielsicher für Kasse 2 entschieden hatte, auf nur noch eine Zahlstelle reduzierte. Und das war natürlich nicht die Kasse 2, wie man sich denken kann. Sofort bildete sich eine kleine Schlange an der verbliebenen Kasse. Und selbstverständlich sollte sich wieder das Klischee erfüllen. Vor mir musste jemand umständlich sein letztes Kleingeld abzählen, sich verzählen, einen neuen Versuch starten und immer noch zu wenig Münzen hinlegen, was zu einem neuerlichen Zählen führte. Immerhin hat dieser jemand sich für die drei Sekunden, die das jetzt länger gedauert hat entschuldigt, auch wenn ich an der Ernsthaftigkeit dieser Entschuldigung meine Zweifel hatte. War mir aber auch egal.

Wieder draußen auf dem Parkplatz entging meinem Blick nicht, daß wieder Idiotentag war. Ein Wagen war in den großzügigen Parkbuchten diagonal geparkt, ein weiterer stand mit der Hinterachse noch nicht mal in der Parkbucht und ragte somit heckwärts in den Durchgangsverkehr des Parkplatzes, während ein dritter Wagen mitten in der Kurve vor der angeschlossenen Bäckerei stand. Der Motor lief, die Fahrertür war weit geöffnet, niemand konnte hier vorbei. Klar, mal eben ein paar Brötchen holen geht ja schnell, warum also Rücksicht nehmen? Wenn man so dürfte wie man wollte – dann hätte ich jetzt ein neues Auto…

Ich verstaute meine Sachen und fuhr die kleine Anhöhe hoch zum Sporttempel. Dummerweise hatten sich mittlerweile bei mir Kopfschmerzen eingestellt, welche mich an dem Erfolg meines geplanten morgendlichen Sportdurchganges zweifeln ließen. Außerdem war ich so früh vor Ort, daß ich noch 20 Minuten vor verschlossenen Türen hätte warten müssen. War also wieder mal nichts. Aber ich gönne mir bei nächster Gelegenheit einen zweiten Versuch, soviel ist sicher. Die Gelegenheit muß nur kommen.



Coole Jungs

Letztens habe ich mich ja unter anderem über die aktuellen Bekleidungsgewohnheiten der hiesigen weiblichen Teenager ausgelassen. Zumindest im Ansatz. Nun ist es ja nicht so, daß die semi-männlichen Gegenstücke so viel anders dahergelaufen kommen. Zwar nicht unbedingt was die Offenherzigkeit angeht, aber doch hinsichtlich der geschmacklich auserlesenen Komposition einzelner Kleidungs- und Schmuckstücke.

Als ich an diesem schönen Sonnentag mal wieder am Busbahnhof Neustädter Ländchen auf meinen Anschlussbus wartete fiel mir ein Junge auf. Das Alter kann ich schlecht schätzen, in so etwas war ich noch nie gut. Aber ich wage reinen Gewissens die Behauptung, daß der Bursche sich die Bezeichnung Teenager erst noch verdienen muß. Viel gehört ja nicht dazu, das ist eine Sache, die man auch aussitzen kann. Man wartet einfach ein paar Jahre und schwupps, schon ist es soweit. Und es ist noch schneller wieder vorbei. Zumindest rein mathematisch betrachtet.

In diesem zarten Alter jedenfalls wusste der Bursche schon, was einfach dazugehört, um rein optisch – wie man so schön sagt – einen raushängen zu lassen. Neben der immer noch obligatorischen, als Nackenschutz vor Sonnenstrahlung falsch herum aufgesetzten Schirmmütze, die nicht fest auf seinem Kopf sondern weiter oben auf den fest betonierten Haaren saß, hat er ein viel zu großes Shirt, eine seltsam geschnittene Jeans und eine lange Holzperlenkette mit einem für mich nicht näher dem Sinngehalt nach definierbaren hölzernen Anhänger getragen. Dieser Anhänger sah aus wie Rolf, an den sich die Älteren unter uns wohl noch erinnern werden, nur daß Daumen und kleiner Finger fehlten.

Besonders auffallend war sein Gang. Als sein ähnlich gekleideter Kumpel auftauchte, ging er auf diesen zu. Dabei war sein Oberkörper leicht nach hinten gebeugt, die Unterbauchzone nach vorne gestreckt und die Knie weiter voneinander entfernt als nötig, so daß man meinen könnte, dieser bestenfalls Halbwüchsige würde in der Region etwas unterhalb des Bauchnabels das Gemächt eines Hengstes mit sich herumtragen, was aber irgendwie in der Hose verstaut werden musste. Als Erwachsener fällt es mir schwer, so einen Poser auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Und wisst ihr, was das Schlimmste ist, wenn ich so etwas sehe?

Ich war früher auch nicht anders. Und ich erinnere mich mit Schrecken daran.

Grundsätzlich habe ich mich im entsprechenden Alter auch gerne als Pseudo-Motorradrocker gesehen. Allerdings war es zuweilen schwierig, meine entsprechenden modischen Ambitionen bei meiner Mutter in Reinkultur durchzusetzen. In meiner Prä-Teenagerzeit gab es natürlich schon die gute alte Jeans, die man schon lange nicht mehr Nietenhose nannte. Aber für die wehrlosen jungen Leute in meinem damaligen Alter war es noch durchaus üblich, auch Cordhosen – oder was noch schlimmer war – die so genannten Stoffhosen zu tragen. Schrecklich, ich habe die Dinger gehasst. Und schon merke ich, wie mir bei diesen Thema wieder vieles in den Sinn kommt, über das ich mich hier noch auslassen könnte, aber ich habe mir fest vorgenommen, dieses Mal nicht abzuschweifen. Meine weiterführenden wirren Gedanken werde ich später zu eigenen Blogeinträgen zusammenfassen.

Wie gesagt, wollte ich auch wie ein cooler Junge herumlaufen. Den Begriff cool kannte ich damals wohl noch nicht, und ich bin mir auch nicht sicher, ob er bei den seinerzeit wirklich coolen Typen schon im Gebrauch war. Aber er beschreibt halt die Situation ganz gut. Und nun kommen wir zu dem Punkt, an dem ihr eure Phantasie mal so richtig spielen lassen könnt.

Der kleine Paterfelis, versehen mit Bübchen-Frisur (Friseurauftrag: im Ganzen etwas kürzer, Pony franselig, Ohren halb bedeckt) und zeitgemäßer Sehhilfe im Pilotenbrillen-Design, hat Turnschuhe getragen, eine Jeans, Ledergürtel mit Hufeisenschnalle und Pferdekopfrelief. Dazu gab es eine silberne Halskette mit einem mir heute nicht mehr erinnerbaren Anhänger. Wahrscheinlich einem Sternzeichen. Das Tragen einer silbernen Halskette oder auch einer so genannten Muschelkette war seinerzeit schon nicht unüblich unter den Vertretern des männlichen Geschlechts, allerdings hat mein Vater das Tragen einer Kette stets nur den homosexuell veranlagten Männern zugeordnet. Und so was kommt von jemandem, der seinerzeit gelegentlich einen fetten Smaragdring getragen hat, an dem ein Herr Glööckler seine Freude hätte. Wie sich Zeiten und Ansichten doch ändern…

Weiter ging es mit meiner Zusammenstellung. Am linken Arm trug ich eine Armbanduhr. Auch dies ist ein Thema, mit dem ich wieder ganze Blogeinträge füllen könnte. Und wohl auch irgendwann mal machen werde. Das besondere an meiner Armbanduhr war das eigentliche Armband. Es bestand aus Leder und hatte an jeder Seite zwei Schlaufen, in denen leere Patronen steckten. Ja, so richtige Patronen, wie man sie ansonsten in Pistolen packt. Aufgebohrt und entleert, aber ungemein dekorativ. Fand ich jedenfalls. Mein Freund Holger übrigens auch, denn er hatte ebenfalls so eine Uhr mit entsprechendem Armband. Am anderen Handgelenk trug ich ein breites, ledernes Armband mit einem eingebrannten Adlermotiv.

An einem meiner Finger schließlich steckt ein dünner Ring, der in früheren Zeiten ein Nickituch zusammengehalten hat. Ja, auch diese Dinger habe ich mal getragen. Wer sich daran nicht mehr erinnern kann, dem sei gesagt, daß ein Nickituch ein Halstuch war, welches man in den Siebzigern häufiger mal ausführte. Dies ist keinesfalls mit einem Palästinensertuch zu verwechseln, die kamen erst in den Achtzigern.

Und nun kommen wir noch zur Krönung des Ganzen. Ich habe mich bislang über mein Oberteil ausgeschwiegen. Nun, bei diesem höchst geschmackvollen Kleidungsstück handelte es sich um einen apfelsinenfarbenen Nickipullover mit langen Ärmeln. Leider habe ich keine passende Verlinkung zu einem Bild von so einem Teil gefunden, weswegen ich den jüngeren Leser jetzt einfach mal im Regen stehen lassen muß. Aber eines ist sicher: Mit Coolness hatte ein solcher Pullover so rein gar nichts zu tun. Die ganze Zusammenstellung war so was von grottenpeinlich, daß ich heute noch schamhaft berührt rot anlaufe, wenn ich daran denke. Leute, ich bin so zur Schulegegangen. Hat sich aber schnell wieder gelegt. Also nicht das mit der Schule, sondern das andere.

Und ich hoffe, daß es heutigen Prä- und Vollteenagern später auch mal so geht, wenn sie sich in einigen Jahren oder Jahrzehnten zurückerinnern. Manche Dinge sollten sich einfach nie ändern. Auch nicht die peinlichen Gefühle bei den Gedanken an einigen Jugendexzessen.



Freitag, 26. April 2013

Die Katzenbande - Miss Daisy (3)

Es begann eine nervenaufreibende Zeit, denn einerseits machte sich die mentale Belastung aufgrund der wirklich lebensgefährlichen Erkrankung bemerkbar, andererseits setzte die Medikamentenversorgung uns auch körperlich zu. Denn diese Versorgung musste in einem festgelegten, engen zeitlichen Rahmen erfolgen. Da gab es nichts mehr mit längerem morgendlichen Ausschlafen oder abendlichem früheren Zubettgehen, geschweige denn einer längeren Abwesenheit. Die Medikamente mussten pünktlich gegeben werden. Ich übernahm die erste Frühschicht an sieben Tagen pro Woche, was ein Aufstehen um drei Uhr verlangte, die zweitbeste Ehefrau von allen war für die zweite Frühschicht, sowie die Nachtschicht zuständig. Am Tag wechselten wir uns ab, um die Infusionen kümmerten wir uns gemeinsam. Meine Angetraute wollte es sich nicht nehmen lassen, die Infusion selbst zu legen, obwohl sie nahezu Panik vor Spritzen und dergleichen entwickeln kann. Ich ging nur noch nur Arbeit, um mich abzulenken. Meine Angetraute befand sich zu dieser Zeit mitten in einer Weiterbildung und hatte somit ebenfalls eine zusätzliche Belastung zu tragen.

Daisy, eine Dame setzt sich aber so nicht hin
 
Daisy zeigte sich – ganz ihrer Mentalität entsprechend – tapfer und kämpfte um ihr Leben. Trotz ihres schwachen Allgemeinzustandes bleib sie die Chefkatze und nahm auch weiterhin am Familienleben teil. Sally und die zwischenzeitlich hinzugekommene Lilly hatte sie im Griff. Daisy ließ sich auch nicht davon abhalten, die gut acht Jahre jüngere Lilly durch die Wohnung zu jagen, wenn diese ihr gegenüber zu keck wurde. Und es ist nicht übertrieben, wenn ich bemerke, daß Daisy sich während dieser Jagden - sehr zu Lillys Leidwesen - bis zuletzt als die deutlich schnellere und geschicktere von Beiden erwies.

Vier Wochen später, an einem Donnerstag, hatte meine Angetraute mich aus dem Büro abgeholt. Daisy zeigte an diesem Tag ein insgesamt ungewöhnliches, uns schon beängstigendes Verhalten und zog sich zunehmend zurück. Es stand wieder ein Tierarzttermin an, den wir gemeinsam wahrnehmen wollten. Als wir in der Wohnung waren, bemerkte ich mit Schrecken, daß Daisy es sich auf meinem Bett gemütlich gemacht hatte. Das war sehr ungewöhnlich, denn sonst war das nicht eine ihrer üblichen Verhaltensweisen. Ich begann eine umfangreiche Kuschelrunde, die sie willig und ausdauernd mitmachte. Dennoch ahnte ich schon, daß es das letzte Mal sein würde. Ich verließ kurz das Schlafzimmer. Als ich Minuten später wieder einen Blick hinein warf, war Daisy verschwunden. Wir suchten sie und fanden die Kleine schließlich unter dem Bett. Das war für mich das entscheidende Zeichen, daß es vorbei war. Daisy hatte aufgegeben und zog sich von uns und dem Rest der Katzenbande zurück.

Die damalige Katzenbande in Eintracht auf dem Monster
 
Es war ein hartes und für uns schmerzvolles Unterfangen, Daisy aus ihrem Versteck hervorzuholen. Wir fuhren mit ihr zum Tierarzt. Dort wurde sie nochmals untersucht und gewogen. Waren wir während der vier Wochen unseres verzweifelten Bemühens um ihr Überleben um jedes Gramm der erreichten Gewichtszunahme froh, mussten wir dieses Mal feststellen, daß sie in den letzten zwei Tagen wieder spürbar abgenommen hatte. Von der früheren Vier-Kilo-Katze war nur noch ein Häufchen Elend mit einem Gewicht von deutlich unter drei Kilo übrig geblieben. Wenn wir auch nur den Hauch eines Zweifels an unserer Entscheidung gehabt hatten, dann war dieser jetzt zur Seite gefegt. Gegen das Offensichtliche konnten wir uns nicht mehr wehren. Wir stimmten darin überein, Daisy einschläfern zu lassen.

Unsere Tierärztin ließ uns genügend Zeit, um letztmalig Abschied zu nehmen. Dann gab sie die erste Spritze, die dazu führen sollte, daß Daisy einschlief. Eine normale Betäubung. Es dauerte seine Zeit, denn Daisys Körper war schon so schwach, daß sich das Betäubungsmittel nicht allzu schnell verteilte. Doch dann war sie schließlich eingeschlafen. Die zweite Spritze wurde gesetzt, welche zum Herzstillstand führen sollte. Nach einigen Minuten, in denen wir der schlafenden Daisy noch über das Fell streichelten, stellte die Tierärztin schließlich fest, daß das Herz aufgehört hatte zu schlagen und gab die vorgeschriebene dritte Spritze. Daisy war tot. Meine Angetraute bat mich, Daisys leblosen Körper noch in eine andere Position zu bringen. Ich tat dies und erschreckte mich darüber, wie leicht es jetzt möglich war, den Körper zu bewegen. Es gab keine aktiven Muskeln mehr, die gegen meine Bemühungen anhalten konnten. Eine schreckliche Konfrontation mit der Realität.




Schließlich war es an der Zeit, endgültig Abschied zu nehmen. Meine Angetraute nahm Daisy nochmals in den Arm und knuddelte sie. Danach legte sie Daisy auf unser mitgebrachtes Handtuch und deckte sie zu. Wir haben dann den Untersuchungsraum verlassen, bevor sie einer der Praxismitarbeiter wegbrachte. Die ganze Prozedur der Einschläferung geschah sehr würdevoll, wir wurden nicht gedrängt.

Mit Daisy verloren wir eine ausgesprochen charaktervolle Katze. Sie war teilweise schrullig, hatte so ihre Macken und seltsamen Vorlieben, war die Coolness in Person Katze, wirkte aufgrund ihrer Gesichtsfärbung und Stimme ständig mürrisch und war einfach nur unendlich liebenswert.

Da es uns nicht möglich sein würde, ein eigenes Grab für Daisy in unserer Nähe anzulegen, entschieden wir uns dazu, sie im Rahmen einer Einzelkremierung einäschern zu lassen. Ihre Asche würden wir in einer Schmuckurne bei uns behalten. Man mag darüber denken, was man will. Es ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, so zu handeln, wir aber stehen zu dieser Entscheidung und werden sie wohl auch bei unseren anderen Katzen wiederholen, wenn es an der Zeit ist.


(Ende)


Donnerstag, 25. April 2013

Die Katzenbande - Miss Daisy (2)

Wir wollten uns nicht zu sehr in die Machtspielchen zwischen Sally und Daisy einmischen, doch nach ein paar Tagen musste etwas geschehen. So beschlossen wir, die beiden mal für ein paar Stunden alleine zu lassen und gönnten uns einen Saunatag. Als wir wieder nach Hause kamen, hatte sich das Verhältnis zwischen Sally und Daisy endlich geklärt. Sally war ihre neue Mitbewohnerin zwar weiterhin suspekt, aber sie ließ sie endlich gewähren. Und keine der beiden hatte sicht- oder fühlbare Schrammen zurückbehalten.

Schnell zeigte sich, daß Daisy zunächst mit einer größeren Anzahl Geschwister sowie insgesamt fünf erwachsenen Katzen aufgewachsen war. Sie musste sich also schon als Welpe gegen ihre Brüder und Schwestern behaupten. Und sie kannte zahlreiche schmutzige Tricks, welche für Sally noch vollkommen unbekannt waren. Nach wenigen Monaten hatte Sally die Herrschaft in unserer Wohnung verloren. Miss Daisy wurde nach und nach die neue Chefkatze.

Freundschaft
 
Die folgenden Jahre bescherten uns viele amüsante Erlebnisse mit Sally und Daisy, von denen ich sicherlich später auch noch berichten werde. Aber es gab auch weniger Schönes. Daisy war zwar kein Dauergast beim Tierarzt, aber wenn sie einen Anlass bot, dann wurde es teuer. Ob sich hier eine Tendenz möglicher Überzüchtung der Rasse bemerkbar machte oder ob es sich einfach um Schicksal handelte, vermag ich nicht zu sagen.

Wehe es packt jemand den Wasserhahn an
 
Außerdem hatte Daisy noch ein ganz anderes Problem. In den beiden ersten Wohnungen, in denen sie mit uns zusammenlebte, gab es im Schlafzimmer nicht viel Platz. Daisy hat eine kurze Zeit lang Versuche unternommen, bei oder auf meiner Angetrauten zu nächtigen, was ihr aber aufgrund einer unglücklichen Standortsuche ihrerseits (auf Brustkorb und Hals) und unbeabsichtigter Abwehrbewegungen seitens meiner Angetrauten nicht so gut bekam. Von da an zog Daisy es vor, nicht mehr bei uns im Bett zu übernachten. Und andere Plätze gab es im Schlafzimmer nicht für sie, so daß sie sich zur Nacht immer in einen anderen Raum verzog. Erst in unserer jetzigen Wohnung hatten wir etwas mehr Platz, so daß die zweitbeste Ehefrau von allen den Kratzbaum mit dem Topfanschaffte und am Fußende unseres Bettes aufstellte. Von nun an nächtigte Daisy wieder bei uns im Schlafzimmer, die ganze Familie war vereint. Später, als wir uns zu getrennten Schlafzimmern entschieden, hatte Daisy sogar eine ganze Betthälfte für sich zur Verfügung. Wir legten ein Katzenkissen auf die freie Matratze, welches von nun an regelmäßig durch sie genutzt wurde.


Kisten, Kartons und Katzen - drei K's, die zusammengehören
 
Als Daisy zwölf Jahre alt war bemerkten wir, daß sie an Gewicht verlor. Wir begannen uns Sorgen zu machen, bis meine Angetraute schließlich einen Termin beim Tierarzt vereinbarte, um der Sache auf den Grund zu gehen. Ich begleitete sie nicht, sondern wartete zu Hause. Als meine Angetraute schließlich ohne Transportbox und weinend nach Hause kam, ohne mir zunächst was über das Geschehene erzählen zu können, bin ich schon davon ausgegangen, daß Daisy sofort eingeschläfert werden musste. Doch dem war nicht so.

Nachdem meine Angetraute sich wieder halbwegs gefasst hatte erfuhr ich, daß Daisy höchstwahrscheinlich an einer chronischen Niereninsuffizienz leide. Sie würde einige Tage bei unserer neuen Tierärztin bleiben, bei der man versuchte, sie wieder hochzupäppeln und auch das Blut zu entgiften. Ihre Chancen, noch für einige Zeit ein lebenswertes Dasein führen zu können, standen bei maximal 30 %. Dazu wäre eine umfangreiche, aufwendige Versorgung mit Medikamenten in den unterschiedlichsten Darreichungsformen erforderlich, ebenso regelmäßige Infusionen. Wir wollten es trotzdem versuchen.

(wird fortgesetzt)



Mittwoch, 24. April 2013

Die Katzenbande - Miss Daisy (1)

Nach dem frühen Tod ihrer Schwester Lucy ging es nicht nur uns, sondern auch Sally schlecht. Die zweitbeste Ehefrau und ich wussten ja wenigstens, was passiert war und konnten uns im Laufe der Zeit damit abfinden, daß Lucy nie mehr zu uns zurückkommen würde. Sally aber verstand es nicht. Sie vermisste ihre Schwester sehr. Wann immer es in irgendeinem Raum ein Geräusch gab, sei es nun ein Rascheln, Knistern oder Klopfen, rannte Sally dort hin, sah sich um, begann zu schnüffeln und aufgeregt zu suchen. Schließlich gab sie Ruflaute von sich, die in ein Janken übergingen, als ihre Rufe unbeantwortet blieben. Sally wich kaum mehr von unserer Seite, was zu durchaus gefährlichen Situationen führte, denn es war jederzeit möglich, daß wir in einem unbedachten Moment auf sie treten würden. Zusätzlich schien Sally massive Verlustängste zu entwickeln.

Da wir dieses Elend nicht mehr länger mit ansehen konnten, entschlossen wir uns, eine neue Katze bei uns aufzunehmen. Allerdings gab es ein paar Einschränkungen in der Auswahl: Die neue Katze sollte auf jeden Fall ein Weibchen sein, vom Alter her zu Sally passen und natürlich bislang keinen Freigang gehabt haben. Die Rasse hingegen war uns egal. So begaben wir uns auf die Suche, fragten bei den verschiedenen Katzenhilfen und in den näher und weiter gelegenen Tierheimen nach, aber es gab nirgends Katzen, die in unser Suchraster passten. Schließlich erfuhren wir über unseren Tierarzt von einer seriösen Hobbyzüchterin, die gerade einen neuen Wurf Katzenbabys zur ersten Impfung bei ihm vorgestellt hatte. Er vermittelte den Kontakt, und so begaben wir uns auf den Weg.

So eine kleine Katze und so eine große Decke

In dem gemütlichen Haus der Familie hatte man ein eigenes Zimmer für die Welpen reserviert. Das erste, was wir in diesem Zimmer zu sehen bekamen, war ein Haufen blauer und lilac-weißer Fellbündel, die neben- und übereinander gestapelt  zusammengekuschelt lagen und vor sich hindösten. Ein Haufen Katzenbabys! Da war es natürlich um meine Angetraute geschehen, und ich wusste, daß wir hier nicht mehr ohne positives Ergebnis rauskommen würden. Wir ließen den Katzenhaufen weiter dösen und unterhielten uns erstmal mit der Züchterin. Auf dem Weg ins Wohnzimmer kamen wir an Duke, dem Vater der Welpen vorbei, einem beeindruckenden, blaufarbenen Britisch Kurzhaar-Kater, der es sich auf einem Naturholzkratzbaum bequem gemacht hatte. Ebenfalls liefen in der Wohnung die Mutter sowie drei Tanten herum, allesamt wunderschöne Tiere.

Daisy ist ja ganz zufrieden, aber Sally...
 
Als die lieben Kleinen ihr Mittagsschläfchen beendet hatten, begaben wir uns zu ihnen ins Zimmer, in dem wir von einer nunmehr ausgelassen tobenden Meute empfangen wurden. Die blaufarbenen Mini-Kater kamen für meine Angetraute nicht in Frage, denn durch diese wurde sie stets an Lucy erinnert. Aber ein kleines lilac-weißes Katzenmädchen erwärmte ihr Herz. Dieses war bereits einem anderen Interessenten versprochen, doch die Züchterin kannte unsere Geschichte durch das Gespräch mit unserem Tierarzt und war bereit da noch was zu unternehmen. So kauften wir die Kleine, und zwar zu einem – für Rassekatzen mit Stammbaum – Spottpreis. Dieser kam zustande, weil diese Katze einen Farbfehler hatte, der sie für die weitere Zucht ungeeignet machte. Im Kaufvertrag vereinbarten wir auch direkt ein Zuchtverbot, was uns wirklich nicht störte, da wir dergleichen ohnehin nicht vorhatten. Aber es waren immer noch ein paar hundert DM, die sehr zu meinem Missfallen fällig werden würden. Aber es fehlten die Alternativen. Unser künftiges Familienmitglied hieß von Hause aus Elli, aber wir einigten uns darauf, sie Daisy zu nennen. Miss Daisy, weil sie ja einen Stammbaum hatte. Was sein muß, das muß eben sein.

Man kommt sich näher

Drei Wochen später hatte Daisy zwar noch nicht ganz das richtige Alter erreicht, um von ihrer Mutter getrennt zu werden, aber es war vertretbar. Bei uns zuhause hingegen wurde es dringlich, daß Sally eine neue Gefährtin bekam. Sie wurde immer leidender und hysterischer. Und so brachte die Züchterin uns unsere neue Mitbewohnerin persönlich vorbei, denn sie wollte sich schon von den neuen Wohnverhältnissen ihres Schützlings überzeugen. Ich saß bei ihrer Ankunft auf dem Sofa, die Beine von mir weg gestreckt. Sally hatte es sich auf meinen demzufolge in Schräglage befindlichen Schienbeinen bequem gemacht. Als die Züchterin unsere Wohnung betrat, entschuldigte ich mich für mein Sitzenbleiben, doch der Auslöser für meine kleine Unhöflichkeit hatte sich schnell erledigt. Als die Transportbox geöffnet wurde, kam Daisy wie selbstverständlich direkt raus, was Sally natürlich in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Sofort zeigte sie, wer in unserem Haus ihrer Meinung nach das Sagen haben würde und bedrohte Daisy. Ein normales Verhalten.

Daisy begann, ihr neues Heim so gut es ging zu untersuchen, aber Sally ließ nicht locker und drängte sie immer und immer wieder in die verschiedenen Ecken unserer Wohnung.

(wird fortgesetzt)


Dienstag, 23. April 2013

Kognitive Dissonanzen

Wieder einmal hatte ich Eintrittskarten für eine von Rajivs Vortagsveranstaltungen besorgt. Beim ersten Mal  hatte ich ein echtes Problem damit, denn die von mir begehrte Karte gab es nur in der örtlichen katholischen Bücherei zu erstehen, welche als Veranstalterin für die Vortragsreihe fungierte.

Na und? Wo ist das Problem?

Natürlich spielte mir auch hier meine Phobie wieder einen Streich. Vor dem ersten Vortrag war ich noch nie in dieser Bücherei. Ich wusste aber wenigstens grob, wo ich sie suchen musste. Und da haben wir schon das erste Problem: Ich müsste also unter Umständen in der Öffentlichkeit etwas suchen, was ich nicht finde, könnte hilflos herumirren und entsprechend auffallen. Mit diesen in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzenden Gedankengängen sind die ersten Ziegelreihen der imaginären Mauer gelegt.

Habe ich den Ort meines Begehrs gefunden, sind wir bei den nächsten Reihen angelangt. Wir wechseln jetzt zu Feldsteinen. Diese kommen auf die Ziegelreihen drauf. Nicht schön, aber wer fragt? Denn was ist, wenn man in der Bücherei überhaupt nicht weiß, was ich will? Wenn die Mitarbeiterin nicht informiert ist? Mache ich mich zum Affen?  Die Gedanken kreisen immer mehr. Doch an der Tür hängt ein Plakat, welches auf die Veranstaltung hinweist. Gut, das ist eine mentale Stütze, an der ich mich festhalten kann. Denn ich kann auf dieses blöde Stück Papier verweisen.

Die Mauer war überwunden, ich hatte meine Karte. Zwar erst auf den letzten Drücker, aber immerhin. Es hat ja nur eine Woche, drei Anläufe und mehrere Ausreden zur Selbstverarschung gebraucht, bis ich mich tatsächlich auf diesen Weg gemacht habe. Aber immerhin erfolgreich.

Der Weg zum Vortrag selbst war etwas einfacher. Die Veranstaltung fand offensichtlich nicht in der Bücherei selbst statt, sondern in einem Raum im Obergeschoss. Das wusste ich vorher nicht, hatte so etwas aber vermutet. Schon vor dem Gebäude stehend konnte ich erkennen, daß ich mit meiner Theorie nicht ganz so daneben lag. Gut, ich war wieder ein Stück weiter. Nun noch den Eingang finden. Wie praktisch, zwei Damen kamen vorbei und gingen zielsicher in die passende Richtung. Ich beobachtete sie etwas, hörte Stimmen und war mir dann sicher, daß ich hier richtig war. Also durchatmen und rein.

Heute gab es also den nächsten Durchgang. Die Karten zu besorgen – die zweitbeste Ehefrau von allen würde mich dieses Mal begleiten, da die Anwesenheit bei diesem Vortrag zu ihrer Trainerausbildung passte – war kein Problem. Ich kannte mich jetzt aus, was mich sicherer machte. Daß ich nicht früher zum Kauf gekommen bin, war dieses Mal nur eine rein organisatorische Sache. Geht doch.

Rajiv war schon vor Ort, baute gerade seine Materialien auf. Er ist eher klein gewachsen, hat eine ziemlich dunkle Hautfarbe und pechschwarze Haare. Ich höre ihm gerne zu, denn seine Vorträge haben neben dem zu erwartenden Informationsgehalt auch einen gewissen Unterhaltungswert. Rajiv vermittelt sein Thema auf publikumsfreundliche Weise in einem sehr angenehmen, akzentfreien Deutsch.

Wenn ich in einem Spielfilm einen offenkundig nicht aus dem mitteleuropäischen Ureinwohnerkreis stammenden Menschen, also einen Asiaten oder Farbigen sehe und auch reden höre, dann spricht dieser im Regelfall natürlich auch ein gutes Deutsch. Es lebe die Synchronisation, da macht man sich keine Gedanken drüber, unabhängig davon, wo der Film spielt. Im realen Leben wirkt ein akzentfrei Deutsch sprechender Asiate oder Farbiger schon etwas anders auf mich. Etwas ist falsch an der Kombination von Bild und Sprache. Irgendwie fehlt da eine Sprachfärbung, die das menschliche Hirn wohl erwartet. Rajiv selbst geht es nach eigenem Bekunden auch so; man nennt es kognitive Dissonanz. Eine höchst natürliche Angelegenheit also und damit nichts, was einem peinlich sein müsste. Trotzdem bleibt ein unbehagliches Gefühl, denn ich behaupte immer, daß mir die Hautfarbe von Menschen absolut egal ist, gleich ob diese nun weiß, braun, schwarz, rot, gelb oder grün ist.

Ok, bei Grün hätte ich wohl doch ein Problem der anderen Art

Der Vortrag verlief in guter Stimmung, die Zuhörer beteiligten sich mit Fragen an der Veranstaltung. In der ersten Reihe saß Herr Petermann. Er hatte sich etwas verspätet, war aber noch grob annehmbar im Zeitrahmen erschienen. Seine mit Sicherheit mehr als achtzigjährigen Augen leuchteten selbst für uns von hinten erkennbar (ha, Röntgenblick) freudig auf, als Rajiv sich über die ayurvedischen  Vorzüge des Honigs ausließ. Pure Energie, keinesfalls schädlich. Herr Petermann ist seit über 30 Jahren als Imker tätig. Ja, das war eine Aussage, die ihm gefallen musste.

Doch irgendetwas brannte ihm auf den Nägeln. Er beobachtet Rajiv und dachte erkennbar nach. In einem Moment, als Rajiv kurz innehielt, bevor er einen neuen Aspekt des Themas beleuchten würde, fragte Herr Petermann in die sich anbahnende Stille:

„Sagen Sie mal, wo stand eigentlich Ihre Wiege.“

Rajiv ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „In Gutterdorf, in der Nähe vom Burgberg.“

„Hier auf dem Burgberg?“

„Ja.“

„UNSEREM Burgberg?“

„Ja, unserem Burgberg.“

„Nein!“

„Doch!“

Herr Petermann war sichtlich erstaunt. „Waaaas? Nein, ich meine jetzt aber gebürtig.“ Seine Stimme überschlug sich fast.

„Ja, meine ich auch. Ich bin hier geboren. Meine Eltern stammen aus Indien.“ Und im Nachsatz, mit einem Zwinkern „Ich bin sozusagen ein Indogermane.“

Herr Petermann war beruhigt. Rajiv nahm seinen Vortrag wieder auf. Es ging weitläufig auch um das Thema Ernährung.

„Dann ist aber sicher alles, was hier an Lebensmitteln üblich ist, tabu für Sie.“ ertönte die Stimme Herrn Petermanns.

„Nö, ich esse alles.“

„Auch eine schöne Schweinshaxe?“

„Ja, auch eine schöne Schweinshaxe. Und Döner. Und Schokolade. Und die anderen ungesunden Sachen auch hin und wieder.“

Kognitive Dissonanzen eben.



Montag, 22. April 2013

Von Rauchern und Rücken

Bei uns im Büro herrscht strenges Rauchverbot. Gegen Räucherstäbchen hat noch niemand was gesagt, aber Zigaretten, Pfeifen und Co sind nicht gestattet. Die Raucher müssen ausstempeln und zum Zwecke der Darreichung Ihres Rauchopfers die dafür vorgesehenen Örtlichkeiten nutzen. Es haben sich bestimmte schon fast vereinsartige Gemeinschaften gebildet, welche diese Örtlichkeiten stets gemeinsam aufsuchen. Mandy und Sven gehören auch dazu. Ich bin aktiver Nichtraucher und fühle mich dadurch schon fast ausgegrenzt. Immerhin sind diese Örtlichkeiten, zu Schulzeiten nannten wir das noch Raucherecken, die Stätten des Hauses, an denen der intensivste Informationsaustausch stattfindet. Willst du bei uns etwas in Erfahrung bringen, musst du einen Raucher fragen. Der Rest der Belegschaft ist von diesem Informationsfluss faktisch abgeschnitten.

Schon über den ganzen Tag hat Sven versucht, Mandy zu einer solchen Raucherpause abzuholen, doch wann immer er unser Büro betreten hat, war sie gerade nicht zugegen. Meine freundliche Frage, was er denn angestellt habe, daß sie ihn nicht mehr leiden könne und sich deswegen immer rechtzeitig absetze, wenn sie seinen schweren Schritt im Gang näherkommen höre, quittierte Sven mit einem müden Lächeln. Gut, ich räume ein, so gut war der Scherz jetzt auch nicht. Man darf ja mal schwächeln.

Nachmittags hatte Sven sie dann erwischt. Er konnte kaum fassen, daß Mandy tatsächlich an ihrem Schreibtisch verweilte, kam näher und tätschelte sie am Rücken, um sich davon zu überzeugen, keinem Trugbild aufgesessen zu sein. Mandy murrte „Nicht immer auf den Rücken, das tut weh.“ Ihr Bandscheibenvorfall war noch nicht übertrieben lange her.

Ich konnte mich nicht zurückhalten. „Mensch, Sven, andere würden für so eine Rückenmassage bezahlen, aber dieses undankbare Weib…“

„Wer würde DEN denn schon für so etwas bezahlen?“ fiel mir Mandy ins Wort.

Sven kam auf mich zu, die Hand in Richtung meines Rückens deutend. „He, Paterfelis, hast du mal einen Euro? Bekommst du gleich wieder.

Meine Hand zuckte von Mandy nicht unbemerkt zum Kleingeldspeicher in meiner Schublade.

„PATERFELIS!“


Sonntag, 21. April 2013

Sally merkt nichts mehr

Nicht nur um die Katzenbande mal wieder auf die Beine zu kriegen habe ich heute Besuch eingeladen. Zur allgemeinen Erbauung erschien der böse Onkel Staubsauger mal wieder. Marty und Smilla kannten den auch schon und haben sich direkt verzogen. Sie kommen mit seiner stimmgewaltigen Art einfach nicht klar. Lilly hat den Glauben an das Gute im Menschen naiver Weise noch nicht verloren und sah sich die Sache erst mal kritisch an, bevor auch sie sich verzog, als der Staubsauger die ersten Töne von sich gab. So einen richtig coolen Abgang schaffte bislang aber immer nur Daisy. Die wartete demonstrativ, bis ihr der Staubsauger zu nahe gekommen ist, um dann gemächlichen Schrittes, also auf keinen Fall wegen des lauten Dings in ihrer Nähe, sondern nur weil es ihr gerade so in den Kram passte, ebenfalls zu verschwinden. Sally hingegen stört sich an dem Staubsauger schon lange nicht mehr. Sie ist viel zu vertrottelttaub lebenserfahren, als daß sie das bisschen Krach noch beeindrucken könnte.

Katze im Wäschekorb - Klischee erfüllt

So schmiss ich die Höllenmaschine an und saugte mich langsam auf die alte Dame zu, während diese tiefenentspannt auf dem Monster eines ihrer vielen Tagesschläfchen abhielt. Als ich nahe genug ans Monster herangekommen war, ließ ich den Staubsauger kurz schweigen, um die Düse zu wechseln. Ich wollte den in unserem Deckenfluter zwischenzeitlich entstandenen Insektenfriedhof auf Drängen der zweitbesten Ehefrau von allen, die übrigens auch immer beim ersten Laut des Staubsaugers die Flucht ergreift, entfernen, weswegen ich die Möbelbürste aufsetzte. Wem das jetzt nichts sagt: Das ist das kleinere, tendentiell runde Ding mit den langen Borsten. Es dient dazu, Möbel abzusaugen, ohne sie kaputt zu machen.

Den Deckenfluter konnte ich am besten auf dem Monster stehend erreichend. So erklomm ich die Höhen der Sitzflächen, wuchtete den Staubsauger mit mir mit und stellte fest, daß die im Gefahrenbereich liegende Sally sich immer noch nicht rührte, und zwar auch dann noch nicht, als ich mich unmittelbar neben sie stellte und auf ihrer anderen Seite den Staubsauger wieder anwarf. Schließlich kam das Böse in mir wieder an die Oberfläche. Ich hielt meine Hand vor die Möbelbürste um festzustellen, wie stark der Sog an der Mündung bemerkbar sei und machte genau das, womit alle Leser mit fiesen Gedanken jetzt rechnen: Ich hielt die Bürste an Sallys Rücken und saugte sie ab!

Dieser lebende Flokati zeigte sich weiter unbeeindruckt, schaute kurz hoch um zu sehen, was sich da an ihr zu schaffen machte und… legte das müde Haupt tatsächlich wieder ab, um in die nächste Phase des unterbrochenen Mittagsschlafes einzutauchen. Bevor jetzt alle Tierfreunde aufheulen: Der Sog war nicht stark, es bestand zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, Sally im Staubbehälter wiederzufinden. Sie hatte jederzeit die Möglichkeit, aus meiner Reichweite zu verschwinden, wenn ihr die Sache zu unangenehm werden würde. Und nein, sie war offensichtlich auch nicht vor Schreck und Panik gelähmt.

Nö, so geht das jetzt aber gar nicht. Ich brauche hier meinen Platz für die Füße, die ich nicht versehentlich auf dieser schmerzbefreiten Katze absetzen möchte. Wahrscheinlich würde ihr das auch nichts mehr ausmachen, jedoch meine Standfestigkeit auf dem Monster bedenklich einschränken. Also überzeugte ich Sally auf andere Art und Weise, eben weniger subtil als zuvor, daß ihre Anwesenheit hier gerade nicht gewünscht sei. Ein sanfter Händedruck gegen ihr Hinterteil ließ in ihr den Gedanken erwachen, daß es doch nicht uninteressant sei, gerade vielleicht mal ihren Freund Marty zu suchen. Aber natürlich nur, weil sie das gerade wollte. Mit mir würde das auf keinen Fall was zu tun haben. Mein sanfter Nachdruck könnte da ja bestenfalls als Anregung verstanden werden.

Diese Katze macht mich fertig.



Rückmeldungen

Es kam Besuch hochrangiger Personen aus Bad Husten in unsere kleine LASA-Außenstelle. Man macht sich regelmäßig einmal im Jahr auf den beschwerlichen Weg, um die Hinterwäldler Mitarbeiter vor Ort heimzusuchenzu besuchen, von den wichtigen Dingen der großen Politik in der Hauptverwaltung zu berichten und so zu tun, als würden sie die Sorgen und Nöte der Belegschaft interessieren. Es gelingt nicht gut. Man könnte auch sagen: Es gelingt überhaupt nicht.

Dr. Strebsinger hatte für die nächste Dienstbesprechung um unsere Rückmeldung zu diesem Besuch gebeten. Da macht man sich im Vorfeld auch so seine Gedanken…

„Nun, Herr Paterfelis, wie haben Sie den Besuch aus Bad Husten empfunden?“

Ach, Herr Dr. Strebsinger, was soll ich sagen? Wieder einmal haben die Herrschaften unsere Zeit – übrigens auch die gesamte Mittagspause, die wir trotzdem nacharbeiten müssen - dazu genutzt, uns von Zielplanungen zu erzählen, die mit unserer Lebenswirklichkeit so gar nichts zu tun haben. Wir kämpfen hier um unser nacktes Überleben. In Bad Husten hingegen wundert man sich, daß unser Fachbereich Unmittelbare Kundenbetreuung nach Reduzierung des Personalbestandes auf weniger als die Hälfte nicht mehr die bisherigen Zahlen schafft und einen elend langen Terminvorlauf aufbaut. Wir mussten uns anhören, daß es doch ganz toll sei, daß bei uns zwei freie Stellen nahtlos nachbesetzt wurden und deswegen keine Belastung bei uns entstanden sein soll, ignoriert dabei aber die Tatsache, daß die neuen Kollegen erst monatelang einzuarbeiten sind und wir deswegen ein dreiviertel Jahr zusätzlich Dauervertretung machen müssen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, so lautet die Devise seit langen Jahren.

Ständig werden unsere Ergebnisse mit denen der anderen Landesämter verglichen. Die Qualität, die Quantität. Alles auf vielfache Weise. Dabei wird außer Acht gelassen, daß man dort ganz andere Zielsetzungen und Arbeitsvorgaben hat. Auch beschäftigt man dort keine eierlegenden Wollmilchsäue. Dort gibt es Spezialisten, die ihr Fach beherrschen. Nicht so wie bei uns, wo jeder nahezu alles genauso perfekt beherrschen soll wie anderen Ortes die Spezialisten nur ihre jeweiligen Fachgebiete. Bei uns, wo die Ansicht Erst kommt die Technik, dann der Mensch von den Verantwortlichen ganz offen ausgesprochen wurde.

Wir werden stärker überwacht und ausgewertet als die Kassiererinnen im Schwarz-Markt. Dazu bedarf es keiner Kameras. Es gibt andere Techniken und Methoden. Jeder von uns ist von Amts wegen verdächtig, bis er seine Unschuld bewiesen hat. Der mehr oder weniger subtil aufgebaute Druck ist allgegenwärtig. Alles ist eilig. Wir ermitteln uns dumm und dusselig. Andere Landesämter machen das nicht. Sie nehmen den Antragsteller stärker in die Verantwortung. Und dennoch sollen wir schneller sein als alle anderen. Das kann nicht funktionieren. Aber diese Unterschiede werden einfach ausgeblendet. Dem sei nicht so. Aber auch wir haben Kontakte und wissen, wie es woanders läuft.

Unser Personalrat kämpft dafür, daß die vielen – auch ersatzlos verschenkten – Überstunden endlich aufhören. Und gibt im Anschluss die nicht offene Empfehlung, doch besser zum Feierabend auszustempeln und inoffiziell weiterzuarbeiten, denn zu viele offiziell verschenkte Überstunden bringen Ärger. Dann war da noch die Personalversammlung in Bad Husten, auf der ungewöhnlich viele kritische Wortmeldungen aus mehreren Außenstellen kamen. Diese Versammlung wurde von den Arbeitnehmervertretern vorzeitig abgebrochen. Hatte man Angst vor einer Eskalation? Auch hier das Es kann nicht sein, was nicht sein darf?

Wissen Sie, ich habe mal mit Hingabe und Begeisterung für das LASA gearbeitet. Ich war sogar richtig stolz darauf, hier beschäftigt zu sein. Ich war engagiert und stand hinter dem, was ich getan habe. Man hat es in den letzten Jahren mit Bravour geschafft, mir meine Begeisterung zu nehmen. Nach dem, was ich mir an Zukunftsvisionen anhören musste, überlege ich mit Schrecken, wie ich die nächsten Jahrzehnte überstehen soll. Seien Sie sich bewusst, daß hier im Raum mehrere Kollegen sitzen, die sich anderweitig orientieren. Ich beneide jeden darum, der noch die Möglichkeit hat, sich mit Aussicht auf Erfolg woanders hin zu bewerben. Für mich ist der Zug abgefahren; ich bin zu alt und zu sehr der Fachidiot. Für andere qualifizierte Tätigkeiten außerhalb des LASA ungeeignet. Nicht mehr jung genug, um nochmal bei null anzufangen. Ich muß jetzt durchhalten bis zum Ende. Denn ich habe Verantwortung zu tragen. Auch finanzielle. Und ich habe keine Idee, wie ich die nächsten Jahre unbeschadet überstehen soll.

„Herr Dr. Strebsinger, es war wie jedes Jahr.“

Mal sehen, wie die Besprechung tatsächlich verlaufen wird.


Samstag, 20. April 2013

Der Bus und ich

Eine Seefahrt Busfahrt, die ist lustig, eine SeefahrtBusfahrt, die ist schön… und so weiter. Ihr könnt mit dem Mitsummen aufhören, noch mehr abgewandeltes deutsches Liedgut kommt hier nicht mehr. Hat jetzt jemand einen Ohrwurm bekommen? Pech, das Leben ist kein Ponyhof.

Busfahrten, hier mit den Linienbussen der NÖP, sind für mich auch so eine spezielle Sache. Das aber liegt jetzt weniger an der NÖP, sondern an der Tatsache als solche, daß ich höchst selten alleine in einem Bus sitze. Abgesehen vom Fahrer natürlich, den bin ich problemlos bereit zu tolerieren. Ich habe das große Glück, so ziemlich am Anfang der in die Neustädter Altstadt führenden Buslinie zu wohnen. Damit ist die Zahl potentieller Mitreisender zu diesem Zeitpunkt als durchaus übersichtlich anzusehen, was mich in die Lage versetzt, trotz meiner phobieverursachten Bedenken zumindest halbwegs entspannt einzusteigen.

Bis Ende letzten Jahres habe ich regelmäßig den zweiten Bus genommen, der morgens seine Tour begonnen hat. Damit war ich zwar eine halbe Stunde zu früh im Büro, aber ich konnte davon ausgehen, beim Einsteigen erst der dritte oder vierte Passagier zu sein. So richtig voll wird der Bus um diese Uhrzeit auch nicht mehr, niemand muß während der Fahrt stehen, und nachdem wir den Neustädter Hauptbahnhof passiert haben, war ich meistens bis zur nächsten Station, an der ich aussteigen muß, der einzige Mitfahrer. Umständehalber fahre ich zwischenzeitlich eine halbe Stunde später los, das allzu frühe Aufschlagen im Büro sehe ich einfach nicht mehr ein. Das habe ich jetzt fast fünfzehn Jahre regelmäßig gemacht; kann mal jemand die verlorenen Stunden in Urlaubstage umrechnen? Lieber nicht.

Im Regelfall sind auf meiner jetzigen Tour ein oder zwei von vier der von mir bevorzugten Sitzplätze noch frei, darüber hinaus gibt es weitere Sitzgelegenheiten, auf die ich ausweichen kann. Wichtig ist, daß sich noch niemand auf dem Nachbarsitz ausgebreitet hat. Ich käme niemals auf den Gedanken, mich zu jemanden, den ich nicht gut kenne, dazuzusetzen. Auch nicht, wenn dieser Jemand alleine in einem dieser Viererkarrees sitzt. Keine Chance, lieber stehe ich während der ganzen Fahrt. Natürlich ist es mir auch nicht besonders angenehm, wenn sich jemand zu mir setzt, aber es ist trotzdem etwas anderes. Denn dann bin nicht ich es, der in den persönlichen Bereich einer fremden Person eindringen will, sondern man will etwas von mir. Ich bin also nicht der Aggressor. Ja, so sehe ich das.

Dennoch ist auch die Eroberung einer Sitzbank für mich alleine nicht gleichbedeutend mit einer ruhigen Fahrt. An jeder Haltestelle könnte es sein, daß sich jemand zu mir setzt, was natürlich vorkommen kann. Also erhöht jeder Halt kurzfristig wieder meinen Stressfaktor. Setzt sich tatsächlich jemand neben mich, kreisen meine Gedanken nur noch darum, was ich mache, wenn dieser Mensch  bei Erreichen meiner Zielhaltestelle den Platz immer noch nicht geräumt hat. Es kommt so gut wie nie vor, daß dieser Fall eintritt, aber falls doch mal…

Ich müsste ihn ansprechen und auf meinen Aussteigewunsch aufmerksam machen. Schlechte Idee, klappt nicht oft. Plan B ist, den Halteknopf vor seiner Nase zu drücken, auch wenn es nicht mehr erforderlich ist, damit ihm klar wird, daß ich an der nächsten Station raus will. Was aber, wenn dieser Mensch schwer von Begriff ist? Weiterfahren, bis er aussteigt, dann ebenfalls aussteigen und den nächsten Bus zurück nehmen? In diesem Bus dann nicht mehr hinsetzen, sondern in der Nähe des Ausstiegs stehen bleiben? Als Option kann ich das nicht ausschließen. Wenn ich das jetzt schreibe, liest sich das auch für mich absolut irre. Aber so funktioniert das in dem Moment bei mir, wenn ich gerade mal so richtig schlecht drauf bin.

Mein bevorzugter Platz ist direkt hinter dem Fahrer. Der ist bei anderen Mitreisenden meistens ziemlich unbeliebt, vermutlich weil man unmittelbar vor einer Plastikwand sitzt, die den Fahrer nach hinten abschirmt. Ich finde das gut. Außerdem ist der zugehörige Sitzplatz je nach Busvariante entweder ein normaler Doppelsitz oder - was mir sehr entegenkommt - zwar etwas breiter, aber nur für eine Person gedacht.

Da ich mit meinen Überstunden wieder hart an der Keine-Minute-länger-sonst-gibt-es-Ärger-Grenze bin, hatte ich mich etwas später auf den Weg gemacht. Es war Ferienzeit, das Passagieraufkommen sollte geringer sein als üblich. War es auch, doch die 20 Minuten später beginnende Tour reichte aus, um die Sache für mich stressig werden zu lassen. Mit mir warteten noch fünf andere Mitreisende an der Haltestelle. Das genügte vollkommen, um wieder die ganzen wirren Gedanken hochkommen zu lassen. Die Anspannung stieg, überschritt aber noch nicht die kritische Grenze. Glück gehabt.

Das Glück hielt an, bis wir den Hauptbahnhof erreichten. Nein, es setzte sich niemand neben mich. Die während der Fahrt aufgenommene Menschenmasse verlässt hier immer fluchtartig den Bus, neue Reisende steigen nur in sehr übersichtlicher Zahl ein, und jeder findet einen Sitzplatz für sich alleine. Dieses Mal gab es im Fahrplan wohl einige Verspätungen. Der lange Bussteig war mit anderen Bussen, darunter zwei besonders langen Schubgelenkfahrzeugen, blockiert. Unser Bus konnte nicht ranfahren und hielt in zweiter Reihe. Dummerweise hat die Linie hier auch noch einen mehrminütigen Aufenthalt, und keiner der schon vor uns wartenden Busse räumte seinen Platz. Hinter uns aber musste es weitergehen, und auch die Fahrzeuge im Gegenverkehr wollten sich auf den Weg machen. Dies machten die Fahrer durch Hupen deutlich. Die Situation wurde etwas unübersichtlich und hektisch, Rangierarbeit war gefordert.

Ich geriet in Stress. ICH! Was habe ich denn bitteschön damit zu tun, außer daß ich in diesem blöden Bus sitze?! Die Angst kam hoch. Dabei konnte ich für diese Situation doch schlichtweg gar nichts. Ich war ja auch nicht Ziel des als solchen von mir empfundenen Aufruhrs. Aber ich befand mich an zentraler Position. Das reichte. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, die Gedanken wie üblich wirrer. Nur noch einige Minuten und eine Station weiter, dann würde die Erlösung kommen. Natürlich hätte ich auch aussteigen und den Rest des Weges laufen können, aber aus dem Bus aussteigen, nachdem dieser nun doch schon einige Zeit am Ort wartete, gehört auch zu diesen Dingen, die gar nicht gehen. Hat der Idiot auch schon gemerkt, daß er hier raus muß? Das ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich blieb sitzen und hielt es aus.

Niemand kann behaupten, daß ich nicht mit einer ordentlichen Menge Adrenalin versorgt im Büro ankam.



Freitag, 19. April 2013

Gruß aus der Küche - Wurstgulasch

Wieder einmal begeben wir uns in die Tiefen der schnell zusammengerührten und natürlich nährstofflich total unausgewogenen herzhaften Leckerchen. Der Küchenchef bereitet Wurstgulasch zu.

Zu diesem Zwecke nehme man 500 g Fleischwurst oder Lyoner im Ring und ergänze diese Basis um 400 g Räucherwürste, wie z. B. Krakauer, Cabanossi, Pfefferbeißer sowie um 100 g Räucherspeck. Das alles schneide man so zurecht, daß sich mundgerechte Stücke bilden. Je nach Größe der Klappe können diese natürlich unterschiedliche Ausmaße annehmen.



Danach gebe man alles in eine Pfanne, zuletzt sowie mit etwas zeitlichem Abstand die Speckwürfel,  und brate es schön knusprig an. Sofern sich ein Vertreter des männlichen Geschlechts in der Nähe der Pfanne befinden sollte, erscheint es angemessen darauf zu achten, daß eine Zwischendurchverkostung der in der Pfanne befindlichen Einzelteile keine Überhand nehme. Da ich das Wurstgulasch unbeobachtet von der zweitbestehen Ehefrau von allen zubereitet hatte, war dies eine an Unmenschlichkeit grenzende Herausforderung, die ich jedoch einem Herkules gleich nachgekommen bin.

Im nächsten Schritt nehme man zwei Paprikaschoten in beliebiger Färbung und bereite diese gemeinsam mit zwei oder mehr Zwiebeln und so vielen Knoblauchzehen, wie man es seinen Mitbürgern gegenüber verantworten kann, küchenfertig und angemessen zerkleinert vor. Ist diese Arbeit zur Zufriedenheit erledigt, gebe man zunächst die Zwiebeln und Knoblauchzehen zur angeknusperten Wurst und schwitze sie auf diesem Wege leicht an. Im Anschluß röste man die zerkleinerte Paprika mit etwas Tomaten- oder/und Paprikamark bzw. Ajvar in einem ausreichend  großen Topfe an. Zwei Esslöffel voll erscheinen ausreichend.

Das so angebratene Gemüsemark lösche man mit einem Viertele Rinderbrühe und dem Inhalt einer großen Dose Tomaten ab, gebe die Wurst hinzu, würze mit Paprikapulver, Salz und Pfeffer nach und lasse alles 20 Minuten vor sich hinköcheln.

Dann nochmal abschmecken und eventuell nachwürzen. Fertig.

Das Wurstgulasch kann als eigenständige Suppe mit beigelegtem Baguette oder als Geschmackbereicherung zu Spätzle gegessen werden. Ein Klecks saure Sahne rundet das Ergebnis ab.



Donnerstag, 18. April 2013

Abendliche Rituale

Es ist Zeit für mich, in die Koje zu gehen. Die Katzenbande merkt ganz genau, wann es bei mir soweit ist; sie können die Zeichen deuten. Also machen sie sich mit mir zusammen auf den Weg. Immerhin lassen sie mir genügend Zeit, noch eben die Zähne zu putzen. Man folgt mir und wartet zunächst vor dem Badezimmer. Schließlich bin ich fertig, wünsche der zweitbesten Ehefrau von allen noch eine gute Nacht und begebe mich ins Schlafzimmer.

Ich warte im Türrahmen stehend darauf, daß Lilly und Marty reinkommen. Sally hat es sich bereits auf dem Nachtschrank bequem gemacht. Am Fußende des Bettes steht ein Kratzbaum. Im oberen Teil befindet sich eine halbkugelförmige Mulde, der Topf. Wenn eine Katze darin liegt, könnte man einen Deckel auflegen, der dann auch bündig schließt. Darum nennen wir das Ding eben den Topf.

Smilla liegt im Topf, bemerkt meine Anwesenheit und lässt freudige Aufregung erkennen. Sie weiß, daß sie jetzt ein paar Streicheleinheiten bekommt. Marty und Lilly warten neben meiner Seite des Bettes auf mich. Ich bahne mir den Weg, Lilly macht bereitwillig platz. Marty ist da etwas schwerer von Begriff und muß leicht mit dem Fuß angestupst werden, damit er bemerkt, daß er mir den Weg versperrt. Aber auch er wird es noch lernen zu erkennen, wann er im Weg sitzt und wann nicht.

Das einstige Chaos während der abendlichen Leckerchenrunde hat sich in ein mehr oder weniger geordnetes Ritual verwandelt. Die Katzenbande hat jetzt ihre festen Plätze. Sally bleibt neben mir auf dem Nachtschrank, Marty sitzt auf dem Boden links neben meinem Bett, einen (Menschen-)Schritt dahinter nimmt Lilly ihre Position ein. Nur Smilla ist nicht so ganz berechenbar. Hin und wieder bleibt sie im Topf und mag kein Leckerchen, ein anderes Mal kommt sie an meine rechte Seite. Mit ihren etwas wilderen Artgenossen Lilly und Marty will sie nicht aneinandergeraten.

Smilla auf dem Monster
 
Sally erhält eine große Ration der Leckerchen in einem Napf serviert. Sie könnte sich gegen den Rest der Bande wohl nicht mehr behaupten, aber die ganze Aktion findet ja schließlich nur für sie statt. Der Rest der Truppe bekommt Leckerchen im Sparmodus. Smilla lege ich einige Bissen auf das Bett; sie frisst sie (oder auch nicht, dann wird das später jemand anderes übernehmen) und verzieht sich danach in den Topf oder zu meiner Angetrauten ins Wohnzimmer.

Lilly und Marty werfe ich ihre Rationen immer stückenweise zu. Marty schaut mich vor jedem Wurf mit seinen großen, dunklen Augen an und platzt fast vor Anspannung. Er liebt es, die Wurfgeschosse im Flug mit beiden Vorderpfoten zu fangen. Nicht immer gelingt es, dann kann es durchaus passieren, daß er Leckerchen wild aber unbeabsichtigt in eine andere Richtung schlägt. Er rennt nicht hinterher, sondern wartet auf die nächste Ladung. Lilly hingegen jagt ihren Happen immer nach. Sie versucht gar nicht erst, sie zu fangen. Sobald ich meine, daß die beiden genug bekommen haben, gebe ich die Ansage "Alle alle, Papa hat nichts mehr" und zeige meine leeren Hände. Marty begreift das sofort und fängt an, die herumliegenden Reste zu suchen. Lilly unterstützt ihn dabei vollkommen selbstlos und freut sich insbesondere auf die Stücke, die unter das Bett gekullert sind. Denn da kommt Marty nicht mehr ran, er ist zu groß geworden. In seltenen Momenten erscheint Smilla auch nochmal und mischt sich in die Suche ein. Dann verschwinden die drei jüngeren Stubentiger.

Marty und Lilly in einem Moment der Nähe zueinander

Sobald Sally fertig ist begibt sie sich an das Fußende des Bettes, putzt sich und wartet, daß ich mich in meine Schlafposition begebe. Bleibt das Licht an, weil ich noch etwas lesen möchte, legt sie sich auf meinen Oberschenkel und harrt da aus, bis ich fertig bin. Kaum habe ich das Licht ausgeschaltet, klettert sie von mir runter und erwartet meine letzte Positionsveränderung: leicht angeschrägte Bauchlage mit einem angewinkelten und einem gestreckten Bein. Sie legt sich in die so entstehende Kuhle und kuschelt sich an mich.

Gelegentlich kommt es vor, daß sie wieder verwirrt ist. Ich spüre, wie sie sich hinsetzt. Sie fängt ein leises Rufen an, wie es sonst nur Welpen von sich geben, wenn sie ihre Mama suchen. „Ist gut Sally, Papa ist ja da.“ Ich streiche ihr meistens noch kurz über den Rücken oder die Wange, danach ist sie beruhigt und rollt sich wieder zusammen.

Etwas später merke ich, wie Lilly unmittelbar rechts neben mir auf Höhe meines Kopfes ihren Platz auf der freien Matratze einnimmt und sich ebenfalls einrollt. Je nachdem, auf welcher Seite ich liege, strecke ich einen Arm aus und lege meine Hand auf sie. Lilly brummt zufrieden vor sich hin und schläft schließlich ein. Nach ein paar Minuten merke ich, wie ihr kleiner Körper anfängt, leicht zu zucken. Lilly träumt. Sie ist die einzige von allen Katzen, die ich bislang beherbergte, bei der das so ausgeprägt wahrgenommen werden konnte.

Noch etwas später erscheint Marty wieder und kuschelt sich an Sally. Sie ist nicht immer begeistert davon, da Marty dabei doch etwas ruppig vorgeht, aber schließlich arrangiert man sich. Ruhe kehrt ein. Im Laufe der Nacht werden die drei Katzgetiere ihre Positionen noch etwas verändern, vielleicht auch nochmal meine Angetraute aufsuchen, aber am Morgen sind sie meistens - außer dem Mamakind Smilla - wieder da.

Wenn ich dann aufstehe, werde ich erst mal mit den nackten Füßen auf die Reste der Leckerchen treffen, die man abends verschmäht hat. Katzen sind eben auch wählerisch.

Und am nächsten Abend wird das Ritual so oder so ähnlich wieder von vorne beginnen.



Mittwoch, 17. April 2013

Bedenkliches

Unser Ökoklaus hat neulich ganztägig ein T-Shirt getragen, welches auf Vorder- und Rückseite in bunten Lettern mit dem Wort


B  L  Ö  D  M  A  N  N


bedruckt war.

Ist das jetzt der Anfang vom Ende des seriösen deutschen Berufsbeamtentums? Ich weiß es nicht, aber als Nicht-Beamter bin ich aus dieser Gefahrenzone wenigstens raus.



Dienstag, 16. April 2013

Seltsame Leute

Spätestens nach dem Lesen dieses Blogeintrages müsste jeder mitbekommen haben, daß der Frühling da ist. Die Sonne scheint und es ist warm. Erschreckend warm. Vor allen Dingen im Büro, denn auf der Fensterfront meines Zimmers steht ganztägig die Sonne. Begleitet von einer mehrspurigen Hauptstraße und der Zufahrt zum Hauptbahnhof ergibt das bei offenem Fenster eine wahrlich wunderbare Arbeitsatmosphäre, aber ein geschlossenes Fenster bringt auch nicht übertrieben viele Vorteile. Insbesondere, wenn gerade bei laufendem Betrieb das Bürogebäude innen gestrichen und ein neuer Teppich verlegt wird. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Vielmehr habe ich den Verdacht, daß zahlreiche Menschen, die ich in den letzten paar Tagen beobachtet habe, irgendwie nicht normal reagieren. Zumindest aber nicht in einer für mich nachvollziehbaren Weise. Liegt es an der Sonne? Und der damit verbundenen Vitamin D-Bildung? Irgendein unbekannter Nebeneffekt?

Begonnen hat alles am Sonntag, einem der ersten warmen Tage. Auf meinem Weg zum Sporttempel, den ich an geeigneter Stelle statt mit den erlaubten 70 km/h durchaus auch mal mit 85 km/h bestreite, wurde ich drei Mal von augenscheinlich nicht zusammengehörenden spätjugendlichen Testosteronbolzen überholt. Die jungen Herrschaften legten ein Tempo an den Tag, daß ich den Eindruck hatte, mitten auf der Straße zu parken. Die Fahrspuren wurden wie wild gewechselt. An einer Stelle, an der beide Spuren durch andere Fahrzeuge in – zulässiger – Parallelfahrt blockiert waren, vollzog man ein Überholmanöver über eine sehr kurz geratene Abbiegespur. Es ist müßig zu erwähnen, daß ich den einen oder anderen dieser Fahrer an der nächsten roten Ampel wieder gesehen habe.

Nachmittags begaben sich die zweitbeste Ehefrau von allen und ich in den Garten, um diesen frühjahrstauglich aufzuarbeiten. Das Unkraut machte sich bemerkbar, auch waren noch einige Rückschnitte zu erledigen. Wir waren den Temperaturen entsprechend mit Freizeithose und T-Shirt bekleidet. Eine Dame ging mit ihrem Hund vorbei – mit Winterjacke, Schal und Mütze. Und wir hatten mindestens 18 Grad, eher mehr, denn meine entsprechende letzte Messung war von vormittags, als die Sonne noch nicht durch die Wolkenschicht gebrochen war. Nun aber war es sonnig und leicht schwül. Unbegreiflich.

Am Montagmorgen ging der Irrsinn weiter. Und zwar bevor die Sonne sich zeigte. Der Bus muß auf dem Weg zum Hauptbahnhof durch eine enge Einbahnstraße fahren. Ich bin immer wieder sehr beeindruckt, wie diese Virtuosen am (Bus-)Steuer die großen Wagen durch die engen Kurven lenken, denn speziell diese Straße ist auch im Kurvenbereich beidseitig stets zugeparkt. Am Ende der Straße, kurz vor einer Kreuzung, befindet sich eine Bäckerei. Der kurz haltende Kunde hätte verschiedene Möglichkeiten, seinen Wagen zwar nicht gerade statthaft, aber dennoch nicht störend, in kurzer Entfernung unterzubringen. Aber was machte der Fraggle um den es jetzt geht? Er parkte seinen Wagen unmittelbar vor der Bäckerei mit einem guten Meter Abstand zum linken Fahrbahnrand. Da gab es kein Vorbeikommen mehr für unseren Bus. Also warten, bis der Herr sich bequemt hat, aus der Bäckerei zu kommen, seelenruhig zu seinem Wagen zu schlendern, die Brötchentüte auf der Rückbank zu deponieren, seine Jacke – immer noch ganz entspannt – in den Kofferraum zu legen, einzusteigen und den Weg endlich freizumachen.

Nach Feierabend war wieder klar erkennbar, wer alles früh raus musste und wer seine Heimstatt tendenziell erst zu späterer Uhrzeit als ich verlassen hat. Zumindest, wenn ich so seltsame Gestalten wie die eingangs bereits erwähnte Dame mit Hund mal außen vorlasse. Die Frühaufsteher hatten nämlich alle Jacken an, die sie jetzt nicht anders unterzubringen wussten, während die Spätaufsteher keine Jacken dabei hatten. Die weiblichen Teenager zeigten, was vermutlich in diesem Jahr Mode wird: ein doch sehr großes Dekolleté. Ich bin wahrlich nicht prüde, aber wenn meine Tochter in dem Alter… nun ja, lassen wir das, ich habe keine Tochter. Dennoch bin ich immer wieder über die Freizügigkeit entsetzt erstaunt, welche die jungen Damen in dem Alter bereits an den Tag legen. Früher hat es das nicht geben.  Ok, letzter Satz ist gestrichen, ich komme mir dabei so alt vor und will nicht mit den Sprüchen kommen, die mir in meiner Jugend  von den älteren Leuten ständig um die Ohren gehauen wurden.

Jedenfalls scheint es einigen der Teenis doch nicht so geheuer gewesen zu sein, derart offenherzig herumzulaufen. Einige hatten ständig zum Sichtschutz eine Hand vor ihre Blöße gehalten. Nicht nur für den Augenblick, sondern wirklich über längere Zeiträume. Das stelle ich mir so über den Tag gesehen ziemlich anstrengend vor, aber bitte.

Der Himmel hatte sich, so wie vom Wetteronkel angekündigt, wieder zugezogen. Das hinderte nicht wenige Leute kaum daran, ihre Sonnebrillen sowohl in der U-Bahn, deren örtlichen Haltepunkt ich auf meinem Weg zum Hauptbahnhof stets passiere, als auch später wieder an der Oberfläche lässig weiter aufgesetzt zu halten. Ist ja warm, und Wärme steht für Sonnebrillentragewetter. Licht hat damit wohl eher weniger zu tun.

Obwohl noch kein Regen fiel, hatte eine Passantin scheinbar bereits rein vorsorglich den Regenschirm in Arbeitsposition gebracht, bis sie in den Bus einstieg. Die Haltestelle ist übrigens großzügig überdacht und bietet darunter einigen Platz, denn hier ist es möglich, daß drei Busse hintereinander halten. Jedenfalls muß ich das jetzt auch nicht mehr verstehen.

Eine Mitfahrerin stand unmittelbar nach der Abfahrt auf, offensichtlich um an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Sie vergaß, den Halteknopf zu drücken und konnte den Fahrer im letzten Moment überzeugen, noch kurz hinter der Haltestelle anzuhalten und sie rauszulassen. Gut, kann passieren, man ist ja mal in Gedanken. Doch unmittelbar nach der Vorbeifahrt an der nächsten Haltestelle gab es gleich zwei weitere Passagiere, die ebenfalls verkündeten, den Ausstieg verpeilt zu haben. Der Bus hielt schließlich an einer Einmündungen, während die Ampel für den Querverkehr noch rot zeigte, und ließ die beiden raus.

Liegt es an mir, daß mir das alles heute etwas seltsam vorkommt? Ich hoffe, daß dem nicht so ist.



Montag, 15. April 2013

Lieferungen

Wir warteten seit einigen Wochen mal wieder auf den Nachschub frischer Aktendeckel aus der Hauptverwaltung in Bad Husten. Einige Geschäftsvorfälle werden bei uns rein digital bearbeitet, aber bei dem weitaus größten Teil ist das noch nicht möglich. Auch wenn ich dem technischen Fortschritt durchaus offen gegenüberstehe – ich muß ja nicht jeden neumodischen Blödsinn nutzen, bin aber doch immer wieder von dem beeindruckt, was machbar ist – kann das auch ruhig noch einige Zeit so weiterlaufen. Mit Papier in den Händen klappt es einfach besser.

Natürlich laufen die Bestrebungen unserer Hauptverwaltung darauf hinaus, irgendwann das papierlose Büro zu betreiben. Der Zeitpunkt, zu dem dieser Alptraum Wunschtraum erreicht sein wird, ist zwar noch nicht absehbar, aber rein vorsorglich beschafft man neue Aktendeckel nur noch sehr zögerlich. Immer, wenn wir eine Nachlieferung erhalten, besteht diese aus zerfleddertem Zeug, das nur noch von Klebestreifen und Tackernadeln zusammengehalten wird. Erbärmlich. Jedenfalls war eine solche Lieferung lange überfällig; man wusste in unserer Außenstelle schon nicht mehr, wie wir den ganzen Schriftwechsel abheften sollten. Es war ja  nichts vorhanden, was man zu diesem Zweck nutzen könnte.

Aufgrund meiner langjährigen Berufserfahrung habe ich in meiner vorausschauenden Arbeitsweise – für die jüngeren Leser: ihr nennt das heute Workflow -  durch geschicktes Umheften und aktendeckelloses Archivieren eine stille Reserve anlegen können. Auf diese Reserve werde ich noch einige Zeit zugreifen und zu Schwarzmarktpreisen (nein, nicht DER Schwarzmarkt vom Einkaufen, sondern der andere, preisintensivere, der verboten ist) an die verzweifelten Kollegen weiterverkaufen. Ich bin ja nicht ohne Grund der offizielle Seniorsachbearbeiter unseres Fachbereiches vor Ort und stets hilfsbereit…

In unseren Gedanken vertieft kämpften wir gegen die verschiedenen anderen Ärgerlichkeiten des Büroalltages, als es auf dem Gang vor unserem Büro laut wurde. Es polterte und quietschte, schließlich rummste es. Mandy stieß einen Freudenschrei aus. „Neue Aktendeckel! Endlich!“

Ich warf einen Blick auf den Gang und stellte nüchtern fest, daß es sich um - Klopapier handelte. Palettenweise Klopapier. Mannshoch gestapelt. Natürlich wieder von der Sorte, wie man sie auch gerne als Schleifpapier verwenden würde, wenn es nur etwas stabiler wäre. Ich teilte es Mandy mit.

Sie zog einen Schmollmund. „Och Mensch, wer braucht hier denn so viel Klopapier?! Das reicht ja für mehr als ein Jahr. Ich will endlich neue Aktendeckel.“

„Nun ja, so ein großer Unterschied besteht da jetzt auch wieder nicht, nur die Anwendung wird im gegenseitigen Austausch etwas komplexer werden.“

„Blödmann! Aber warum schicken die uns so viel? Hat da jemand die Bestellung vertauscht?“

„Vielleicht hättest du nicht so oft sagen sollen, wie beschissen hier alles ist…“

„PATERFELIS!“


Sonntag, 14. April 2013

Frühlingsgefühle

Dem sich nun bedrohlich nähernden Frühling, insbesondere aber dem damit verbundenen Wetter, sehe ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Natürlich ist es ganz angenehm, wieder mal ein paar Sonnenstrahlen mitzubekommen. Und auch die Aussicht, endlich die Gasheizung ausschalten zu können, betrübt mich nicht unbedingt. Die Luft in der Wohnung wird aufgrund der nun wieder regelmäßig geöffneten Fenster schlagartig angenehmer, und ich habe im Moment ebenfalls nichts dagegen, wenn das sauer verdiente Geld nicht weiter – wenn auch nur indirekt - zur Wärmegewinnung verbrannt wird.

Allerdings bedeutet die warme Jahreszeit auch, daß wieder Gartenarbeit ansteht. Selbst in einem Steingarten will das Unkraut gepflegtgezupft werden. Dabei sehen manche Unkräuter ja eigentlich ganz hübsch aus, und gelegentlich überlege ich sogar ernsthaft, ob ein Gewächs, welches mir entgegenragt, zu unseren originären Steingartenpflanzen zählt oder unter die Kategorie Wildgewächs fällt. Sieht es gut aus, lasse ich das Teil meistens einfach weiter wachsen. Frau Kleinhüppgenreuther wird mich schon darauf aufmerksam machen, daß es wohl doch kein Ziergewächs war.

Die nun regelmäßig wieder anstehende Gartenarbeit führt aber zu einem weiteren Problem. Wie man vermuten mag, bin ich nicht übertrieben begeistert davon, mich auch noch von der halben Nachbarschaft beobachtet im Garten zu betätigen. Dabei liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Satzteil mit der Nachbarschaft. Womöglich quatscht mich auch noch jemand an. Nö, das fehlt mir noch. Ich bevorzuge es, soweit wie möglich für mich alleine zu arbeiten, ohne Zuschauer. Dann wäre die Gartenarbeit nur halb so blöd; ja vielleicht würde ich sie dann sogar halbwegs gerne machen. Also erledige ich das in aller Frühe am Wochenende. Da ich aber nicht zu meinen bevorzugten Uhrzeiten damit beginnen kann - es soll ja Leute geben, die an Wochenenden etwas länger im Bett bleiben und einen gewissen Ruheanspruch für sich reklamieren - muß ich warten. In so einem Steingarten hört man aufgrund des Bodenbelages jeden Schritt. Gerade in der frühmorgendlichen Ruhe hat man sehr schnell das Gefühl, man würde die ganze Gegend beschallen.  Somit habe ich nur ein begrenztes Zeitfenster für die Gartenarbeit. Dieses beginnt um "Da-draußen-entwickelt-jemand-Geräusche-aber-es-ist-zeitlich-gerade-so-vertretbar"-Uhr und endet um "Ich-stehe-auf-und-mache-draußen-selbst-was"-Uhr.

Das kollidiert aber mit meinen anderen festen Wochenend-Terminen. Meine Einkaufstour startet schließlich auch immer zu Zeiten, die so mancher mit dem Zusatz „nachtschlafend“ beschreibt, und am Sonntag ist ja auch wieder der morgendliche Besuch im Sporttempel fällig. Mein Wochenende müsste also drei Tage andauern, um diese Dinge morgens zeitlich gut koordiniert erledigen zu können.

Eine umsetzbare Lösung habe ich noch nicht gefunden. Ich hasse das.




Samstag, 13. April 2013

Gruß aus der Küche - Rote Linsensuppe mit Joghurt

Die Rote Linsensuppe ist im Gegensatz zu einer klassischen Linsensuppe schnell zubereitet. Sie kann in ihrer Schärfe sehr schön variiert werden.



Man nehme zwei Gemüsezwiebeln, würfle diese und dünste sie an. Zu den angedünsteten Zwiebelwürfeln gebe man jeweils mindestens zwei Teelöffel Paprikapulver, Kreuzkümmel und Kurkuma, alternativ ein Currypulver. Das alles fülle man mit 2,5 Litern Gemüsebrühe und 500 g roten Linsen auf. Die werdende Suppe sollte 10 Minuten vor sich hin köcheln.

Nach nochmaligem Abschmecken gebe man 500 ml Joghurt und einen Bund Dill oder ersatzweise Petersilie hinzu. Wer mag, kann auch noch einen Bund Koriander verarbeiten. Alles unterrühren und nochmal abschmecken, da der Joghurt viel von der Schärfe wieder rausnimmt.

Fertig.