Dienstag, 19. März 2013

Ein fast normales Wochenende (6)

Der Zeitplan meiner Angetrauten hatte ausreichend Puffer, so daß wir wohl nicht zu spät zum Auftritt erscheinen würden. Doch wie es so ist, offenbarte sich eine gewisse Nervosität durch eine beherzte Fahrweise, welche Geschwindigkeitsbeschränkungen auf der Autobahn zur unverbindlichen Empfehlung degradieren.

Auf der Landstraße Richtung Gutterdorf ereilte uns schließlich das Unglück. Nein, wird wurden nicht geblitzt, und wenn dies doch der Fall gewesen wäre, dann mit Sicherheit nicht wegen Überschreitens der auch hier vorhandenen unverbindlichen Geschwindigkeitsempfehlung, sondern eher wegen deren Unterschreitens. Vor uns fuhr ein dicker SUV. Wie bereits angedeutet, erreichte er kaum das straffrei höchste nutzbare Tempo, benötigte aufgrund seiner Fahrt in langgezogenen Schlangenlinien durchaus die komplette Breite unserer Straßenhälfte und verzögerte vor grünen Ampeln bis fast zum Stillstand, bevor er dann doch wagte, in die nachfolgenden Kreuzungen einzufahren. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit gab die zweitbeste Ehefrau von allen unserem Balduin die Gelegenheit, sein prachtvolles Horn erschallen zu lassen, doch der Erfolg bei dem rüstigen Rentner vor uns, denn als solchen konnten wir ihn zwischenzeitlich identifizieren, war gleich Null. Schließlich bog der SUV ab und gab die Sicht auf ein bereits an der roten Ampel wartendes PS-starkes Passatmodell frei. Die Ampel wurde grün und – was soll ich sagen, die wahnsinnige Beschleunigung der am Steuer befindlichen rüstigen Rentnerin raubte uns fast den Atem. Irgendwann überschritten wir sogar die von unseren Altvorderen als der Gesundheit wenig zuträglich eingeschätzte Geschwindigkeit von 25 km/h. So in diesem Stile ging es noch einige Kilometer weiter, Überholen war aussichtslos. Dennoch räumte auch dieses Verkehrshindernis irgendwann den Weg, so daß wir dank der ausreichenden Puffer im Zeitplan immer noch vorzeitig vor Ort waren und auch Alexandra noch mit einem kleinen Umweg mitnehmen konnten.

Meine Angetraute fuhr direkt zum Hintereingang der Halle; ich nahm ihre sowie meine Sachen und ging mit Alexandra zur Tür, während sich meine Angetraute auf Parkplatzsuche begab. Der Eingang war verschlossen, also verschwand auch Alexandra unter Zurücklassen ihrer Taschen, um den Menschen mit dem Schlüssel zu suchen, während ich mal wieder in tragender Funktion vor verschlossenen Türen stehenblieb. Nach gefühlten Ewigkeiten öffnete sich die Tür, so daß der Weg zur Garderobe frei war. Heute würde sie nicht beengt sein, denn es wurden nur noch Katja und die Baronin erwartet. Aus der Halle dröhnten Techno-Klänge, welche eine Zumba-Vorstellung begleiteten. Alexandra erzählte, daß sie von Mitgliedern des Sporttempels, in dem sie auch unterrichtet, gefragt worden wäre, ob die Kurse mit orientalischem Tanz vergleichbar wären mit den von ihnen besuchten Zumba-Kursen… Ich erspare mir hier jeglichen Kommentar.

Die Mädels wollten sich irgendwann umziehen und legten auf meine Anwesenheit in der Garderobe mit Sicherheit keinen weiteren Wert. Bevor man mich mit Nachdruck darauf aufmerksam machen würde, trat ich freiwillig den Rückzug an und suchte mir wieder einen Platz für die Kamera. Auf der Bühne präsentierte sich mittlerweile ein Alleinunterhalter namens Jens-Rüdiger Buhingnowski. Der Typ war wohl grob in meinem Alter, ganz in schwarz gekleidet und mit langer Haarmähne versehen, die selbst mir als bekennendem Langhaarträger (außer Dienst) als etwas zu viel des Guten erschien. Er spielte live Saxophon und sang zwischendurch auch mal zu begleitender Musik aus dem Elektronikbaukasten, den er auf der Bühne platziert hatte. Zwischen den Stücken gab er ein paar einstudierte Sätze von sich, mal auf Deutsch, mal mit englischen Floskeln versehen. Mich widerte diese Darstellung einfach an, und auch die Musik war jetzt nicht so meine Welt. Das war typische Aufzugs- und Hintergrundmusik, der man üblicherweise – weil HINTERGRUND-Musik – keine Beachtung schenkt. Die vor der Bühne im Cafeteria-Bereich sitzenden Gäste sahen das wohl ähnlich. Jedenfalls war Herr Jens-Rüdiger Buhingnowski deswegen wohl etwas angepisstverärgert und ließ sich schließlich zu dem Satz hinreißen, daß man als Publikum trotz des schlechten Wetters gerne mal lächeln könne. Schließlich war er fertig, es gab verhaltenen Applaus. Später würde er noch einen Auftritt zu einer „gemütlichen halben Stunde“ haben, so daß Jens-Rüdiger seinen Elektronikbaukasten in die hintere Ecke der Bühne stellte und sein Saxophon hinter dem rückwärtigen Vorhang versteckte. Die Mädels konnten kommen.

(wird fortgesetzt)


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