Mittwoch, 27. Februar 2013

Busse, Blagen, Kinderwagen

Als ich heute nach Hause kam, stand die zweitbeste Ehefrau von allen in der Küchentür. Nachdem sie meine Anwesenheit bemerkte, bewegte sie die Lippen; Sie schien mir etwas sagen zu wollen. Doch ich hörte sie nicht. Also machte ich ihr verständlich, daß sie laut und deutlich sprechen müsse, da meine Ohren scheinbar eine hoffentlich nur temporäre Schädigung erlitten hatten. Wie kam es dazu?

Seit einigen Tagen lag hier ein Paket herum, welches darauf wartete, zwecks weiterer Beförderung zum örtlichen Postamt gebracht zu werden. Heute erbarmte ich mich und nahm es mit, um auf meinem Rückweg die entsprechenden Örtlichkeiten aufzusuchen. Ich wartete auf meinen Bus, eine Hand voll weiterer potentieller Busnutzer dümpelte sinnlos in der Gegend herum, als der Bus sich der Haltestelle näherte.

Wie aus heiterem Himmel füllte sich die freie Fläche zwischen mir und der sich öffnenden Bustür mit Unmengen kleiner, plärrender Etwasse, die mit ihren Taschen wild um sich schlagend das Gefährt befüllten. Nachdem die plärrenden Etwasse sich im Bus ausgebreitet hatten gelang es einigen Passagieren, selbigen durch die dafür vorgesehenen Öffnungen geordnet zu verlassen. Man war vereinzelt noch etwas zerzaust, aber das bleibt nicht aus, wenn man unmittelbar zuvor von einer Masse, wie sie die kleinen plärrenden Etwasse darstellten, überrannt worden ist. Die durch die unsachgemäß bewegten Schultaschen bei diesen unschuldigen Opfern verursachten blauen Flecken würden sicherlich auch wieder vergehen.

Ich setzte gerade an, die sichtbarste Präsenz meines irdischen Daseins ebenfalls in den Bus zu bewegen, als noch zwei Kinderwagenmuttis auftauchten und verzweifelt versuchten, der Teilgruppe der plärrenden Etwasse, die nicht schnell genug waren, die letzten freien Sitzplätze rechtzeitig vor der älteren Generation zu belegen, verständlich zu machen, daß sie bitte von der Tür wegrücken mögen, damit sie mit ihren Kinderwagen Platz bekämen. Natürlich war keines der plärrenden Etwasse bereit, auch nur einen Zentimeter des in Anspruch genommenen Platzes zu Gunsten der Kinderwagen freizuräumen, so daß die Muttis die plärrenden Etwasse mit sanftem Nachdruck in die freien Gänge zurückschoben. Es wurde sogar so geräumig, daß auch ich mich platzieren konnte. Drei Haltestellen später spülte mich eine unkontrollierte Woge plärrender Etwasse aus dem Bus, was durchaus in meine Gesamtplanung passte. Gegenüber dieser Haltestelle befindet sich nämlich unsere Post.

Relativ zügig wurde meinem Anliegen entsprochen, so daß ich mich wieder zur Haltestelle begeben konnte, um auf meinen Anschlussbus zu warten. Dieser wendet hier auf seiner Tour, so daß nicht mit einer Überfüllung zu rechnen war. Die Türen öffneten sich und eine kleinere Horde pubertierender Kreischemädchen ergoss sich auf den Bürgersteig. Ich stieg ein und wartete auf die Weiterfahrt. Diese verzögert sich an der Wendehaltestelle immer um ein paar Minuten, weil der Fahrer eine hier vorgesehene Pause einlegt.

Zu meinem größten Entsetzen stiegen die pubertierenden Kreischemädchen auch wieder ein und setzten sich hinter mich. Etwas später kam noch ein südosteuropäisch aussehender Bursche hinzu und setzte sich auf die Nachbarbank, während er pausenlos etwas in alttürkisch oder so in sein Handy brüllte. Wer auch immer am anderen Ende der Leitung war hatte keine Chance, irgendetwas zu entgegnen. Die Kreischemädchen erhielten zwischenzeitlich noch Verstärkung in Form einiger pubertierenden Grölejungs, welche sich als willkommene Opfer der Kreischemädchen erwiesen. Natürlich setzte man sich ebenfalls in meine Gegend, um kürzest möglichen Grölekontakt zu den Kreischemädchen aufbauen zu können.

Kurz vor meiner Zielhaltestelle nahm der Lärmpegel im Bus deutlich ab, bis mir die Ursache dafür bewusst wurde. Hierzu verweise ich auf meine eingangs dargelegten Ausführungen. Ich hoffe, das gibt sich wieder. Wie halten Eltern das nur aus?


Dienstag, 26. Februar 2013

Vom Scheitern

Ich finde es gut zu sehen, daß ein Mensch mit hoher Lebenserfahrung sich ins Zeug wirft,
um anderen zu helfen.

Ich finde es traurig zu sehen, daß ein Mensch nach Erkennen seines Scheiterns nicht in der Lage ist, 
dieses zuzugeben.

Ich finde es erschreckend zu sehen, daß ein Mensch zur Wahrung seines Ansehens 
ein falsches Bild seiner Schutzbefohlenen präsentiert.

Ich finde es unerträglich zu sehen, daß sich Menschen ihre Selbstachtung 
für ein Glas Bier abkaufen lassen.


Montag, 25. Februar 2013

Ein echtes Drama

Die zweitbeste Ehefrau von allen verweilte auf unserem Monster und harrte ihrer weiterhin auf sich warten lassenden Genesung. Die Katzenbande lag zwanglos verteilt in der Wohnung; man genoss das Spätmittagsschläfchen, welches nahtlos in das Frühnachmittagsschläfchen überzugehen schien.

Marty
Hauskater Marty hatte die leicht warme Heizung hinter unserem Monster als seinen bevorzugten Schlafplatz des Tages auserkoren und sich dort in voller Länge ausgebreitet. Alles war ruhig und friedlich, doch plötzlich:

„MIAOOOOOOOO!“

Ein durchdringendes Jammern erfüllte die Wohnung. Der Ursprungsort befand sich zweifelsfrei hinter dem Monster.

„MOAAAAAAHOOOOOOOO!“

An dieser Stelle sollte ich erwähnen – und Frau Paterfelis stimmt mit mir darin überein – daß das so oft beschriebene Miau als typischer Katzenlaut einfach ein Märchen ist. Im Laufe der letzten 15 Jahre beherbergten wir nun schon sechs Katzen, aber tatsächlich haben wir nur zwei Mal von einzelnen Angehörigen der Katzenbande einen Laut vernommen, der auch nur ansatzweise einem solchen Miau nahe kam.

„MAAAAOOOOAAAAAAAAAAAAAA!“

In langjähriger Erfahrung insbesondere mit Sally stand zu einem gewissen, deutlich erhöhten und nur knapp unter dem Wert von 100 liegenden Prozentsatz an Wahrscheinlichkeit fest, welches Geräusch als nächstes folgen würde. In Erwartung eben dieses Geräusches begab sich die zweitbeste Ehefrau von allen direkt in die Küche, um eine Rolle Küchenpapier zu besorgen. Dabei hegte sie die verzweifelte Hoffnung, daß ihr noch grippal angeschlagener Kopf seine Drohung, bei jedweder Beugung nach vorne zu explodieren nicht wahr machen würde.

„GNG GNG GNG MOAAAAAHHHH GNG GNG GNG GNG!“

Die restlichen Vertreter der Katzenbande hatten sich zwischenzeitlich ebenfalls zusammengefunden, um hirnlos zu gaffen zu überlegen, wie man dem einzigen Kater des Hauses in seinem Leid wohl beistehen könne.

„UAAAAAARK!“

Es war meiner Angetrauten ein Rätsel, wie Marty gleichzeitig kotzen und atmen konnte. Und der Geräuschentwicklung nach kotzte er Unmengen von den Dingen aus, mit denen er gerade angefüllt sein musste. Zumindest bis vor wenigen Augenblicken.

Die zweitbeste Ehefrau von allen überlegte kurz, an welchem geheimnisumwobenen Ort unserer Wohnung ich wohl die Reserverollen Küchenpapier versteckt haben könne. Sie traute sich, den Ort des Geschehens in Augenschein zu nehmen, und sie sah

DAS HIER: 
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(aus Gründen der Humanität wurde das Bild weiter unten eingestellt)
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(der Gedanke hieran drängt sich jetzt ja schon irgendwie auf)
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(weiter nach unten scollen)
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(noch weiter nach unten scrollen)
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(noch ein kleines Stück, die zarten Gemüter sollen das nicht unbeabsichtigt sehen müssen)
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Und wehe jetzt kommt der blöde Spruch "Wenn Männer leiden...".




Sonntag, 24. Februar 2013

Armes Hascherl

Unser Ökoklaus ist schon ein armes Hascherl. Ständig ist er am Jammern, daß bei ihm die meisten Telefonate einlaufen, er die meiste Vertretung bekommt, die meisten Leute zu ihm kommen, um ihn was zu fragen und er natürlich auch die meisten und schwierigsten Neuanträge zu bearbeiten hat. Dann hat er auch noch die Zusatzaufgabe, unser IT-Mensch vor Ort zu sein. Alle Nase lang muß er zu Hilfe eilen, Toner ausgeben oder Drucker tauschen.

Gerade hat er eine Lieferung neuer Toner für unsere Laserdrucker bekommen. 20  hatte er in unserer Hauptverwaltung in Bad Husten bestellt, doch tatsächlich waren es 80 (!) die er erhalten hat. Er war den Tränen nah. Nein, nicht vor Rührung, sondern vor Verzweiflung, denn sein Materialräumchen hat lediglich die knappe Größe einer Besenkammer. Da ist kein Platz für 80 Toner. Aber wir wussten ihn zu trösten, denn seit einiger Zeit werden wir mit den Tonern eines neuen Herstellers beliefert. Dieser hat sich nach europaweiter Ausschreibung als billigster Anbieter herausgestellt. Da greifen unsere Experten in Bad Husten natürlich sofort zu. Blöderweise sind die neuen Toner schneller aufgebraucht oder schrottreif als ihre Vorgänger. Gleiches gilt übrigens auch für unsere neuen Drucker.

Billig gekauft heißt nicht umsonst doppelt gekauft. Aber immerhin wird sich so das Platzproblem vom Ökoklaus schnell relativieren…

Unlängst habe ich mir mal unsere Statistik angesehen. Insbesondere die Zahl der Leistungsanträge hat mich da schon beeindruckt. Ich mag die Dinger nicht, die sind nicht meine Welt. Aber im Rahmen der integrierten Sachbearbeitung, also dem mittelfristig geplanten Zusammenlegen des Leistungsbereiches 1 mit unserem Fachbereich werde ich genötigt, mich auch damit zu beschäftigen. Aber immer noch besser diese Leistungsanträge als das, womit sich unser Leistungsbereich 2 beschäftigt. Schlimmer geht nimmer, deren Arbeit mochte ich schon zu Ausbildungszeiten nicht. Und irgendwie ist der Leistungsbereich 2 schon immer eine Welt für sich gewesen. Kann er auch ruhig bleiben.

An meiner Erkenntnis aus dem Studium der Statistik wollte ich gleich einige Kollegen teilhaben lassen. Wie gut, daß ich ohnehin in das Zimmer von Sven und Ökoklaus mußte, um Vertretungsakten loszuwerden. So klärte ich die beiden Anwesenden direkt auf, daß es ja wohl nicht sein könne, daß ich alleine in diesem Monat erwiesenermaßen so viele Leistungsneuanträge hätte wie der restliche Fachbereich zusammen. Und das mir! Ein unglaublicher Skandal. Natürlich wurde ich angemessen bedauert; vom Ökoklaus eher mit gebremsten Schaum, aber mit einem strahlenden Grinsen auf dem Gesicht unseres guten Sven.

Ich fragte Sven später, als ich ihn mal alleine erwischt hatte, warum er denn so strahlend gegrinst hätte.

„Nun, unmittelbar bevor du reingekommen bist hat der Ökoklaus sich in epischer Breite wieder darüber ausgelassen, daß er doch IMMER die meisten Leistungsneuanträge von allen hätte…“

Tja





Samstag, 23. Februar 2013

Gruß aus der Küche - Kaminsuppe

Um der zweitbesten Ehefrau von allen während ihrer Erkältung die Chance zu geben, das hier zubereitete Essen auch geschmacklich wahrzunehmen, waren Gerichte erforderlich, die sich problemlos hochwürzen lassen, ohne daß deren Eigengeschmack darunter leidet. Das funktioniert zum Beispiel hervorragend mit der Kaminsuppe.



Warum die Kaminsuppe ausgerechnet so heißt, weiß ich auch nicht. Wir haben keinen Kamin und essen die Suppe dennoch. Ich habe das Rezept unter dieser Bezeichnung gefunden und behalte sie einfach bei. Die Kaminsuppe ist sehr einfach herzustellen, sobald man den Idioten ausgeguckt hat, der die erforderlichen 500 g Zwiebeln klein schneidet. Heute hatte ich das große Los gezogen, denn ich habe die Suppe bereits früh morgens zu einer Uhrzeit gekocht, als der Rest der Bewohner unserer Wohnung, also meine Angetraute, Sally, Lilly, Marty und Smilla noch zu ruhen geruhten.

Benötigt wird ein relativ großer Topf; die von mir verwendeten Mengenangaben ergeben ein Volumen von etwa 4 Litern Suppe.

Zunächst habe ich 1 kg Hackfleisch kräftig angebraten. Während des Bratens schnitt ich vier Gemüsezwiebeln (= 500 g) und drei Stangen Lauch in Stücke von verzehrgeeigneter Größe und gab diese, nachdem das Fleisch genügend Röstaromen gebildet hatte, in den Topf. Ich ließ alles nochmal gut durcherhitzen.

Im nächsten Schritt gab ich 500 ml Tomatenketchup und 500 ml Sinti-, Roma- und-angehörige-Volksgruppen-Sauce hinzu. Geeignet ist grundsätzliche jede entsprechende Grillsauce. Ich verwende hier immer ganz gerne (Achtung, Werbung!) die Sauce in der Variante extra scharf von Homann im 500 ml-Glas. Nun noch die Inhalte zweier Päckchen Jägersaucenpulver sowie eines Glases Silberzwiebeln (ohne die Flüssigkeit) und einen Liter Wasser in die Suppe schütten, umrühren und aufkochen lassen.

Auf dem Teller kann man das Werk noch mit etwas flüssiger Schlagsahne, welche mit Paprikapulver garniert wird, anreichern. Dazu gibt es Brot.




Fertig.

Hier nochmal die Zutatenliste für 4 Liter Suppe:

1 kg Hackfleisch nach Wahl
500 g Zwiebeln
500 ml Tomatenketchup
500 ml Zigeunersauce Grillsauce mit Paprika nach Art der Sinti, Roma und angehöriger Volksgruppen
3 Stangen Lauch
2 Päckchen Jägersaucenpulver
1 Liter Wasser
1 Glas Silberzwiebeln
evtl. Sahne und Paprikapulver



Die Katzenbande: Sally und Lucy (3)

Der erste, zeitnahe Besuch beim Tierarzt zwecks Impfung etc. brachte gleich zu Tage, daß die beiden unerwünschte Mitbewohner eingeschleppt hatten. Flöhe! Na prima. Beide erhielten ein Wundermittelchen, welches dafür Sorge trug, daß in den nächsten Stunden nach dessen Auftragen sterbende Flöhe von Sally und Lucy herunterfielen, wo auch immer sie sich gerade aufgehalten haben. Insgesamt zählte ich 26 Opfer. Die Katzen zu entflohen war jetzt nicht so schwierig, aber dummerweise musste auch die Wohnung entsprechend behandelt werden. Also wurde mit den passenden Mittelchen gesprüht, Wäsche gewaschen und ein richtiger Hausputz veranstaltet. Bis heute hat sich nie wieder ein Floh gewagt, auch nur in meine oder meiner Katzen Nähe zu verirren.

Tierarzt? Ohne mich!

Wir gewöhnten uns aneinander, und schließlich war es soweit, daß die beiden nun nicht mehr ganz so kleinen bemerkten, daß ihr neuer Dosenöffner eine wunderbare Matratze abgibt. Seinerzeit schlief ich noch auf dem Rücken. Sally hat schnell ihren Platz zwischen meinen Knien gefunden, und Lucy meinte, es sich auf dem Übergang zwischen Bauch und Brust bequem machen zu müssen. So auch an dem Tag, nachdem die beiden kastriert wurden. Die wärmere Jahreszeit war angebrochen, und ich schlief unter einem weißen Bettlacken. Nachdem ich wach war und feststellte, daß meine beiden organischen Wärmeflaschen auf ihren Stammplätzen lagen, fing ich an, Lucy zu kraulen, die sich dafür auch sehr empfänglich zeigte. Doch irgendwann drückte die Blase und ich musste aufstehen. Widerwillig verließen die beiden ihre Matratze, da bemerkte ich einen großen roten Fleck auf dem Laken. Lucys frische OP-Narbe hatte sich geöffnet!

Wie in den späteren Jahren immer wieder und auch mit den damals noch ungeborenen Angehörigen der Katzenbande wiederholt erlebt, war es ein Wochenende, ein Feiertag oder die frühe Abendstunde, in denen ich akut und höchst dringlich eines Tierarztes bedurfte. Katzen haben ein Gespür für Zeitpunkte, an denen es ungünstig und für ihren Katzenpapa mit erhöhten Zusatzkosten verbunden sein würde, einen derartigen Menschen aufzusuchen. Die weiteren Ereignisse waren nicht weiter dramatisch, gaben mir jedoch einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Wasserjunkie Lucy - genau wie Sally

Sally entwickelte sich einer papaschmusesüchtigen Katze. Wann immer ich irgendwo saß oder lag kam sie an und breitete sich auf mir aus. Hatten entweder die zweitbeste Ehefrau von allen oder ich sie mit Absicht oder versehentlich berührt, warf sie sich auf den Rücken und wollte gestreichelt werden. Das kann mitunter schon anstrengend oder sogar nervend werden, auch wenn wir ihrem Begehren nicht immer nachgegeben haben. Lucy hingegen hat sich die neue Dosenöffnerin als bevorzugte Person ihres Kuschelbedürfnisses auserkoren. Ich war als Matratze weitgehend nicht mehr von ihr gefordert.

Lucy und Sally

Es stellte sich heraus, daß Lucy nicht die Gesündeste aller Katzen war. Es ist möglich, daß sich hier die Folgen der Inzucht bemerkbar machten. Ständig gab es neue Probleme mit den inneren Organen. Sie musste Medikamente nehmen und führte gleich ihrer Schwester – von wenigen Episoden abgesehen – ein weitgehend normales Leben einer Hauskatze. Eine Nacht hingegen wird unvergesslich bleiben. Die künftige zweitbeste Ehefrau von allen war zwischenzeitlich bei uns eingezogen und hatte am nächsten Tag eine wichtige Prüfung abzulegen. Wir waren mit Lucy zuvor beim Tierarzt, welcher aus einem aktuellen Anlass Valium verordnet hatte, welches als unbeabsichtigten Nebeneffekt auch beruhigend wirken sollte. Allerdings machte es sich bei Lucy gegenteilig bemerkbar. Sie drehte richtig auf, kam die ganze Nacht nicht zur Ruhe, maunzte fast ununterbrochen vor sich hin und wollte von der neuen Katzenmama betuttelt werden. Eine ideale Situation vor einer Prüfung. Die künftige zweitbeste Ehefrau von allen bestand dennoch, aber das Medikament wurde umgehend abgesetzt. Unser Tierarzt meinte, in ganz wenigen Fällen könne es tatsächlich sein, daß es aufputschend wirke. Ja, diese Erfahrung hatten wir nun auch gemacht.

Doch schon bald sollte es zu Ende gehen. Lucy ging es plötzlich schlechter, sie nahm kein Futter an. Wir nahmen Trockenfutter und vermengten es mit Wasser zu einem Brei, den wir ihr dann einflößten, doch auch dieser Brei sah nach kurzer Zeit wieder das Tageslicht. Es würde wohl wieder Zeit für einen Besuch beim Tierarzt.

Abends saß ich am PC, welcher seinerzeit noch im Schlafzimmer stand. Lucy hatte es sich auf meinem Bett bequem gemacht. Plötzlich drang ein spitzer Schrei durch die Wohnung, Lucy zuckte wild hin und her. Die zweitbeste Ehefrau von allen eilte herbei, nahm Lucy in den Arm. Solche Krampfanfälle hatte Lucy schon gehabt, aber ohne daß sie zuvor diesen Schrei ausstieß. Ihr Herz raste. Ich rief den Tierarzt an. Während des Gesprächs erschlaffte Lucy, der Tierarzt riet am Telefon zu Mund-zu-Schnauze-Beatmung, doch es war schon zu spät.

Lucy starb an diesem Abend unerwartet im Alter von zwei Jahren in den Armen der zweitbesten Ehefrau von allen. Auch unser Tierarzt zeigte sich später überrascht. Eine hohe Lebenserwartung vermochte er ihr nie zuzusprechen, aber daß es so schnell vorbeigehen würde, hatte er auch nicht vermutet.

Wir beerdigten Lucy am nächsten Tag im Garten meiner Eltern.

Lucys Grabstein

Genau wie wir tat sich Sally sehr schwer mit dem Verlust ihrer Schwester, doch das ist eine andere Geschichte, die ich später noch erzählen werde.

Heute ist Sally hier die Seniorkatze. Sie war gesundheitlich auch nie ganz auf der Höhe, aber es erwies sich nichts als so dramatisch wie bei Lucy. Trotzdem hätte ich nie gedacht, daß sie jemals so alt werden würde.

Ich muß nach wie vor als ihre Matratze herhalten, sobald es ins Bett geht. Sie ist noch weitgehend aufmerksam und altersentsprechend aktiv, aber man merkt ihr an, daß sie zu so langsam zu den  Hochbetagten zählt. Neben den kleinen Zipperlein, mit denen man auch als Katze im Alter eben zu kämpfen hat, scheint sie geistig nicht mehr die allerhellste zu sein, legt zuweilen einen gewissen Altersstarrsinn an den Tag und wird quengelig.

Doch auch das gehört zu einem Familienleben mit Katze dazu.

(Ende)



Freitag, 22. Februar 2013

Hochdosiertes

Die Erkältungswelle hat uns weiterhin voll im Griff. Auch der Ökoklaus versucht ihrer Herr zu werden. Zum Schutz der Allgemeinheit vor seinen Niesattacken benutzt er ein Taschentuch. Dies ist grundsätzlich eine löbliche Sache, aber es handelt sich nicht um ein Papiertaschentuch, sondern aus Gründen des aktiven Umweltschutzes um ein großes Stofftaschentuch, welches er nach Benutzung wieder in einer seiner zahlreichen Hosentaschen verschwinden lässt. Rechtzeitig vor dem nächsten Nieser nimmt er es wieder an sich, um die in der hosentaschenwarmen Wohlfühltemperatur vermehrten Viren, Keime, Bazillen oder was auch immer mit dem Effekt der Selbstansteckung einzuatmen und dann in das Taschentuch zu schniefen, damit auch dort der Nachschub an frischen Kleinstlebewesen nicht ausbleibt. Man könnte es dergestalt formulieren, daß der Ökoklaus sich zum Zwecke einseitiger Friedensverhandlungen in einem regen Austausch mit den Bewohnern seiner Rotzfahne befindet.

Wie nett.

Unser Ökoklaus wäre kein echter Ökoklaus,  wenn er als weiteres Mittel der Krankheitsabwehr nicht regelmäßig irgendwelche Globuli mit homöopathischen Mittelchen einwerfen würde. Über den Erfolg kann man streiten, denn der Ökoklaus ist an sich ganzjährig am Schniefen und Schnäuzen. Ist er gerade nicht erkältet, dann hat ihn irgendeine einsam schwebende Polle erwischt, welche aus seinem regulären Schnupfen einen Heuschnupfen fabriziert.

Zur weiteren wohlmeinenden Unterstützung seiner Befindlichkeit nährt er sich von Tee. Natürlich geht er nicht an die harten Sachen, wie zum Beispiel eine ordentliche Ostfriesenmischung, einen Earl Grey oder diesen wunderbaren und wenig bekannten Lady Grey. Nein, er favorisiert grünen oder weißen Tee.

Dummerweise hat unser Heißwasserboiler aktuell für einige Tage seinen Dienst versagt, und das Erhitzen von Wasser mittels der vorhandenen Mikrowelle ist für unseren Ökoklaus undenkbar. Man weißja nie, was da für Strahlen rauskommen und was die mit dem erhitzten Wasser nebenbei noch so angestellt haben.

Vor allen Dingen „Strahlen“…

Die Suche nach heißem Wasser sollte in einem Büro aber nicht unmöglich sein; auf der Etage unseres Fachbereiches „Leistungen 2“ befindet sich ein funktionierender Boiler, an dem auch wir uns bedienen können.

Mandy hat eine Kaffeemaschine am Platz, die in letzter Zeit aber auch eher der reinen Heißwasserzubereitung dient als der Produktion von Kaffee. So hat Mandy angeboten, daß er sein Wasser auch gerne aus ihrer KaffeeHeißwassermaschine beziehen könne, damit er nicht immer durch das halbe Haus rennen müsse. Allerdings ist Voraussetzung, daß die zur Maschine gehörende Glaskanne zum Auffangen des Wassers genutzt wird. Doch dieses freundliche Angebot war für unseren Ökoklaus nicht annehmbar:

„Da war der Kaffee schon so hochdosiert drin, der geht nie wieder raus.“

Na ja, sind halt keine Kaffee-Globuli gewesen.



Die Katzenbande: Sally und Lucy (2)

Mit der Namensgebung der beiden Kleinen habe ich mich etwas schwer getan. Sie sollten nicht die üblichen blöden Katzennamen wie Minka, Tinka oder Mitzi bekommen. Irgendwann habe ich mich zu den Namen Sammy und Charly durchgerungen.

Aber das sind doch Namen für Jungs?!

Ja, stimmt. Ich interpretierte diese als Abkürzungen für Samantha und Charlene. Die erste der beiden, welche die Transportbox verlassen würde, sollte Sammy heißen, die zweite folgerichtig Charly. Ich setzte dies um, aber bereits nach kurzer Zeit änderte ich meine Meinung wieder. Die Mädels sollten ordentliche Namen bekommen, die jeder ohne Erläuterung als weiblich erkennen konnte. So wurde nach wieder aufgenommener Suche von Mädchennamen aus Sammy schließlich Sally und aus Charly Lucy.

Besonders hübsch sahen Sally und Lucy seinerzeit noch nicht aus. Sie waren sehr hochbeinig und bestanden darüber hinaus wohl nur aus Ohren und einem kleinen Körper zwischen den Beinen und den Ohren. Wenn sie gähnten, wurden die dominierenden Körperbestandteile um einen Kopf erweitert, der neben den bekannten Ohren nur noch aus Schnauze und Rachen bestand. Ich habe keine Ahnung, wo da noch Platz für ein Gehirn sein soll.

Ohren mit angehängter Sally

Sally und Lucy erkundeten vorsichtig ihre neue Heimat. Das Katzenklo war schnell gefunden und wurde direkt in Besitz genommen. Doch schon bald zeigte sich ein erstes Problem. Die beiden waren mit der Auswahl an Futter nicht einverstanden, die ich ihnen angeboten hatte. Ich beschloss, dieses Problem zunächst auszusitzen. Wenn der Hunger nur groß genug sei, würden sie schon davon fressen.

Katzen sind keine Hunde. Wer jemals gedacht hat, einer Katze etwas Essbares vorsetzen zu können, was sie nicht will, begeht einen kapitalen Denkfehler. Alle diesbezüglichen Klischees kann ich Kraft eigenen Erlebens als wahr deklarieren. Nach 24 Stunden Anwesenheit in meiner Wohnung stimmten beide weiterhin darin überein, das ihnen angebotene Fressen nicht annehmen zu wollen. Aber sie hatten Hunger und ließen mich dies sehr lautstark wissen. Doch es war Sonntag, ich hatte keine Gelegenheit, woanders etwas für Sally und Lucy zu besorgen. In meiner Verzweiflung versuchte ich es sogar, ihnen etwas Brot zu geben. Ich hatte noch das gute Heidebrot von Feinkost Albrecht in meinem Schrank, was heute aus dem Sortiment verschwunden ist. Und siehe da: Sally und Lucy machten sich über die Brotkrumen her. Die fraßen allen Ernstes lieber trockenes Brot als an die Auswahl von Naß- und Trockenfutter heranzugehen, die für sie bereitstand.

Zum ersten Mal ging mir der Stoßseufzer durch den Kopf, der mich bis heute immer wieder verfolgt: KATZEN!

Sally

Später am Tag kamen meine Eltern bei mir vorbei. Sie wussten um meine Not und brachten von unterwegs ein halbes gebratenes Hähnchen mit. Ich entfernte die Haut, ließ das Fleisch abkühlen und gab es dann ebenfalls meinen beiden Kleinen. Auch darüber machten sie sich her. Gut, dann wäre die erste Zeit schon mal überstanden. Bei nächster Gelegenheit kaufte ich andere Futtersorten, welche dann – ebenso wie das zunächst angebotene – klaglos gefressen wurden. Natürlich nur so lange, bis der katzentypische Moment eintritt, an dem das bisherige Lieblingsfutter quasi über Nacht zum Widerlichsten geworden ist, was sich Katze so vorstellen kann. Aber auch daran gewöhnt man sich und weiß, daß die größere Bevorratung einer bestimmten Futtersorte für einen Katzenbesitzer nicht zweckdienlich ist. Wenn ich daran denke, daß die Spitze meiner Oma zeitlebens immer nur die gleiche Futtersorte zu fressen bekommen haben, fällt schon auf, daß Hunde an sich doch sehr unkompliziert sind.

(wird fortgesetzt)


Hach ja

Zwei Tage hat mich meine Erkältung an die Heimatbasis gebunden, dann ging es wieder ins Büro. Es dauerte nur Augenblicke, bis ich schlechte Laune bekam. Im Rahmen meiner Krankmeldung hatte ich darum gebeten, daß keine Vertretung gemacht wird. Die Kollegen sind ohnehin bis unter die Haarspitzen belastet, da muß mein Kram nicht auch noch oben drauf gepackt werden. Aber zu meinem größten Bedauern wurde Vollvertretung angeordnet. Nein, gefreut hat mich das nicht.

Danach wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, wie man sich die Einweisung der Kollegen in unsere neue Software, was auch meine Aufgabe sein wird, so vorstellt. Meine Laune hat sich in Anbetracht des nun feststehenden Ergebnisses nicht verbessert. Da wäre mehr drin gewesen.

Es folgte ein Telefonat mit einer extrem nervtötenden Kundin, welches damit endete, daß sie sich über mich beschweren wollte. So ist das, wenn man bestimmte Wahrheiten einfach nicht einzusehen vermag. Es ist immer die Behörde Schuld. Der eigene Anteil an der Sache wird absolut unterschätzt. Ich war kurz vorm Explodieren.

Dann kam Mandy rein.

„Oh, Paterfelis, schön daß du wieder da bist. Ohne dich lief hier mal wieder nichts.“

Hach, danke für die Blumen, auch wenn der Strauß sicher etwas übertrieben war. Alleine dafür hat es sich doch gelohnt, wieder im Büro aufzuschlagen.


Donnerstag, 21. Februar 2013

Die Katzenbande: Sally und Lucy (1)

Irgendwann in grauer Vorzeit freundete ich mich mit dem Gedanken an, mir ein Haustier zuzulegen. Meine diesbezüglichen näheren Erfahrungen beschränkten sich auf meine beiden seinerzeit längst verblichenen Wellensittiche Rolli I. (grün) und Rolli II. (blau) sowie die beiden Spitze Peter und Timmy meiner Oma.

Hunde schieden aufgrund meiner Lebensumstände aus, und mit Wellensittichen und ähnlichem Geflügel vermochte ich auch nicht übertrieben viel anzufangen. So begann ich, mich zunächst theoretisch mit Katzen zu beschäftigen. Wie es im Büro nun mal ist, erzählt man so was auch mal seinen Kollegen. Meine damalige unmittelbare Team-Mitarbeiterin und heutige Vorsitzende unseres Personalrates hatte noch Kontakt zu einem Kollegen, mit dem ich irgendwann nach dem Krieg zusammen die Ausbildung im LASA gemacht hatte. Sie wusste zu berichten, daß er ein Katzen-Pärchen besaß, welches sich gerade vermehrt hatte und deren Nachwuchs abzugeben sei. 

Lucy
 
Ich bekundete also mein Interesse und vereinbarte einen Termin, zu dem ich mir die Welpen ansehen und auch direkt mitnehmen könne. Das passende Alter für die Trennung von ihrer Mutter würden sie bis dahin auch erreicht haben. Zeit genug meine Wohnung auf „katzengeeignet“ umzurüsten und verschiedene erforderliche Dinge zu erstehen hatte ich jedenfalls noch.

Es war ein Samstag als ich mich aufmachte, um meine neuen Mitbewohnerinnen abzuholen. Ich klingelte, und ein sichtlich kaputter Mensch öffnete mir die Tür zu einer ebenso dem Verfall überlassenen Wohnung. Schon aus unserer gemeinsamen Ausbildungszeit hatte ich die begründete Vermutung, daß bei meinem Kollegen das Thema „Alkohol“ einen zu hohen Stellenwert hatte, und auch die eine oder andere Drogengeschichte und Aktionen am äußersten Rande der Legalität habe ich mitbekommen. Hier offenbarte sich jetzt das ganze Elend in seinen Folgen. Es war nur noch erschütternd. Nach diesem Tag habe diesen Kollegen nur noch einmal gesehen und weiß heute, daß er einige Jahre später durch das LASA fristlos gekündigt wurde. Dazu gehört schon was.

Sally, noch als Welpe

Wie dem auch sei, in der Wohnung fanden sich die Katzenmutter, eine schöne schwarze Hauskatze, die man heutzutage als Europäisch Kurzhaar bezeichnet, der Vater, ein graubraun getigerter und offensichtlich auch noch nicht ganz so alter Kater, und die beiden schwarzen Welpen. Mir wurde erklärt, daß der anwesende Kater nicht nur der Vater der beiden Kleinen sei, sondern gleichzeitig auch der große Bruder. Mein Kollege erzählte, daß er die beiden kastrieren  lassen wollte, als der Tierarzt im verkündete, daß dies bei der Kätzin gerade nicht ganz so günstig sei. Der Sohnemann hatte sein Werk bereits vollendet. Die Welpen waren also das Produkt einer Inzucht. Nun, im Tierreich soll so etwas durchaus mal vorkommen und es hinderte mich nicht daran, die beiden Kleinen in meine Obhut zu nehmen.

Das war heute vor 15 Jahren.

(wird fortgesetzt)



Dienstag, 19. Februar 2013

Beweiskräftiges

Während ich hier so kurz nach dem verspäteten Mittagessen in meinem stillen Leiden sinn- und planlos im Internet herumsurfend auf unserem Monster herumliege und gleichzeitig von Sally und von Lilly bedrängt werde, verspüre ich auf einmal und vollkommen unerwartet höchstseltene Gelüste nach einem Stück Buttercremetorte in der Geschmacksrichtung Mocca. Diesen Wunsch habe ich auch der zweitbesten Ehefrau von allen kundgetan.

Messerscharf analysierte sie die Situation:

„Ok, das ist der Beweis. Du machst es nicht mehr lange.“

Vielleicht sollte ich doch mal über ein Testament nachdenken.


Luft holen

In der vergangenen Woche lief es etwas ruhiger in der LASA-Außenstelle. Zwei Erkrankte haben den Weg zurückgefunden, während es im benachbarten Fachbereich „Leistungen 1“ zu einer Vertretungssituation im Verhältnis 2,5 Anwesende zu 3,5 Abwesende gekommen ist. Aber die fangen ja auch gerade erst an. Jedenfalls war das irre Lachen, welches zuweilen aus dem einen oder anderen Raum in den Flur schallte, etwas leiser und weniger lang anhaltend als in den Tagen zuvor. Auch hörte man zur Mittagszeit weniger den zweifelhaften Wunsch nach einem Butterbrot mit Schaumgummi.

Wir nutzten die Zeit, um mal kurz durchzuatmen, denn in dieser Woche wird die Sache wieder anders aussehen. Wir haben eine ernstzunehmende Urlaubsdrohung erhalten. Lange geplanter und nicht verschiebbarer Urlaub. Da macht man nichts.

Mich kann das nicht mehr erschüttern. Seit einiger Zeit ist mein Freund Harvey wieder aufgetaucht. Ich habe keine Ahnung, wo der sich so lange herumgetrieben hat. Harvey ist ein echt cooler Typ. Etwas seltsam sieht er ja schon aus mit seinen weißen Haaren und den etwas zu groß geratenen Ohren, aber er ist immer für mich da und begleitet mich jetzt wieder überall hin.

Einige weniger aufgeschlossene Kollegen murmeln hinter meinem Rücken irgendetwas von F-Diagnose und wer Harvey sei, aber ich habe echt keine Ahnung, was das soll. Ich störe sie nicht in ihrem Wahn. Verrückte soll man machen lassen.



PS: Nachdem ich diesen Text geschrieben habe, bin ich auch noch ausgefallen. Die Seuche greift weiter um sich.



Montag, 18. Februar 2013

Sonntag, 17. Februar 2013

Gruß aus der Küche - Gyrosauflauf

Meine bevorzugte Darreichungsform von Gyros habe ich letztens bereits hinreichend erläutert: vom Drehspieß, wie es sich gehört. Das ist so in der heimischen Küche nur unter erschwerten Bedingungen herstellbar. So bleibt es mir nicht erspart, hin und wieder auf Pfannengyros zurückzugreifen. Wobei die Bezeichnung Geschnetzeltes nach Gyros-Art der Sache schon näher kommt, denn mit einem echten Gyros hat das ja nun wirklich nicht viel zu tun.



Wenden wir uns heute der Herstellung eines Auflaufs mit Geschnetzeltem nach Gyros-Art zu. Für eine wirklich große Familienportion benötigt man:

2 Pakete Pfannengyros (800 bis 1.000 g)
500 g Nudeln nach Wahl
8 Zwiebeln
600 g Champignons
2 Becher Schmand
2 Packs oder 400 bis 500 ml Bechamelsauce
Käse zum Überbacken
Pfeffer, Salz

Das Gyros schön knusprig braten. Später wird es zwar wieder durch die Sauce etwas aufgeweicht, aber es verbessert den Geschmack. Die gehackten Zwiebeln und in Scheiben geschnittenen Champignons ebenfalls braten und dazugeben. Gleichzeitig die Nudeln al dente kochen.

Nun Schmand und Bechamelsauce in die Gyrospfanne geben, unterrühren und heiß werden lassen. Die Masse mit den gekochten Nudeln vermischen und alles in eine Auflaufform geben. Abschmecken nicht vergessen. Ein kräftiges Würzen ist nicht verkehrt.

Oben drauf den geriebenen Käse verteilen und alles im Ofen bei 190 Grad für 20 Minuten überbacken.



Wasserstand

Und hier der aktuelle Wasserstandsbericht:

noch 27 Sixpacks = 81 Liter



Gyros

Gyros gehört zu den Dingen, ich die ich mich reinlegen könnte. Natürlich muß es vom Drehspieß sein, optimaler Weise überwiegend die Stücke, die kurz vorm Verbrennen stehen. Dazu eine ordentliche Lage Zaziki/Tsatsiki/Tzaziki/Tzatziki (und weitere gesehene Schreibweisen, bitte nicht hiermit verwechseln: klick mich)  und Zwiebeln. Pommes können, müssen aber nicht dabei sein. Schafskäse käme auch noch ganz gut.

Es gab eine Zeit, zu der Gyros in Deutschland noch keine Verbreitung gefunden hatte. Das ist in etwa so wie mit Internet, Smartphones und Taschenrechnern. Eine Zeit, in der M&Ms noch Treets hießen und Twix noch nicht mal Raider, weil es das auch noch nicht gegeben hat. Zumindest nicht in Deutschland. Und nein, werte mitlesende Jugendliche, das ist keine hundert Jahre her. Es gibt noch lebende Menschen, die das mitmachen mussten. Ich bin einer davon. Ein lebendes Fossil sozusagen.

An meine ersten vorsichtigen Kontaktaufnahmen zu diesem Hochgenuss kann ich mich noch leidlich gut erinnern.

Damals, in den bunten Siebzigern, gab es in unserer Wohngegend eine Imbissbude. Diese versprühte noch den Charme der Sechziger: weiß gekachelte Wände, einen Stehtresen und eine gewisse Enge. Sie führte ein aus heutiger Sicht übersichtliches Angebot, bestehend aus Pommes (noch der dicke Schnitt, nicht diese fiesen dünnen Stäbchen, die heute Usus sind), Brat-, Curry- und Bockwürste, Kottelets, Hähnchen, Frikadellen, Schaschlik und Kartoffelsalat. Dazu natürlich die üblichen Getränke, aber das war es dann auch schon. Diese Imbissbude unterschied sich insoweit nicht von vielen anderen, die es in der Region gab. Die normale Portion Pommes kostete 80 Pfennig, die große eine Mark, die Mayonnaise 20 Pfennig. Man vermisste nichts, weil man es nicht besser kannte.

Gegen Ende der Siebziger eröffnete auf der rückwärtigen Seite des Gebäudekomplexes eine neue, zeitgemäße Imbissbude, in der es sogar im Untergeschoss einige Tische und Stühle gab. Die Auswahl war vergleichsweise riesig, man führte an sich alles, was man heute in so einem Betrieb als Mindeststandard ansieht. Und Grillteller. Die haben damals 7 DM gekostet, ein Jägerschnitzel mit Pommes und Salat zum Vergleich 6,70 DM. Grillteller kannten wir seinerzeit nur von einem Besuch in einem Restaurant, aber nicht aus einer Imbissbude. Es muß nicht weiter erwähnt werden, daß die alte Imbissbude dieser Konkurrenz nicht gewachsen war und relativ zügig schließen musste.

Der Grillteller war beladen mit Pommes, einem kleinen Salat und natürlich Fleisch: kleines Schnitzel, kleine Frikadelle oder etwas ähnliches aus Hack, eine dritte Fleischsorte, an die ich mich heute nicht mehr erinnern kann und aus ausgesprochen leckeren Fleischfetzen. Die waren immer das Beste, aber weder meine Eltern noch ich wussten, was das war. Mein Vater, der ohnehin dazu neigt, alles und jedes mit Spitznamen zu versehen, nannte das damals einfach Geschroddel, und für ihn ist es bis heute bei dieser Bezeichnung geblieben.

Irgendwann nahm ich die große Herausforderung an. Auf der Speisekarte der neuen Imbissbude standen drei Gerichte, mit denen ich nichts anfangen konnte. Gyros, Loempia und Zaziki. Ich vermeinte im Rahmen eines Einkaufes mal mitbekommen zu haben, wie ein Kunde neben anderen, mir bekannten Dingen Loempia bestellte und unter anderem auch das Geschroddel bekommen hat. Fragen wie das Zeug denn jetzt hieß wollte ich nicht, das war mir peinlich. Also bestelle ich Loempia für mich und die diversen Dinge, die meine Eltern haben wollten. Was soll ich sagen? Loempia ist kein Gyros. Und ich mochte es damals überhaupt nicht. Mist! Heute weiß ich es besser und habe auch Loempia zu schätzen gelernt. Mein nächster Versuch, das Geschroddel zu kaufen, verlief dann auch erfolgreicher. Kein Wunder, bei einer 50 : 50-Chance. Und dann wurde auch sehr schnell klar, was Zaziki ist. Mein Leben hatte wieder einen Sinn.

Heute besuchen die zweitbeste Ehefrau von allen und ich nur noch sehr selten eine Imbissbude. Während meine Angetraute sich aber eine gewisse Bandbreite an potentiell denkbaren Bestellungen bewahrt hat, weiß ich trotz unserer sehr übersichtlichen Zahl an Besuchen doch immer, was ich haben möchte: Gyros komplett, anstelle von Krautsalat lieber einen gemischten mit Tomaten, Gurken und Schafskäse.

Das beste Gyros aber gab es früher im Goldgrill, einem Imbiss in der Nähe der LASA-Hauptverwaltung in Bad Husten. Dieser wurde von den Kollegen und mir seinerzeit doch mit einer gewissen, wenn auch nicht übertriebenen Regelmäßigkeit heimgesucht. Hier hat man das frisch geschnittene Gyros immer noch mit echtem Zitronensaft aus einer frisch gepressten Zitrone beträufelt. Natürlich ging dafür nicht der Saft einer kompletten Zitrone drauf. Der wurde in einer Schale aufgefangen, dann ging man kurz mit den Fingern da durch und verteilte eben die besagten paar Spritzer mit einer schüttelnden Handbewegung über das noch in der Auffangschale befindliche Fleisch. Einmal vermischen, auf den Teller packen und – lecker! Immer schon wollte ich das bei fremdgekauftem Gyros auch mal machen, doch ich vergesse es andauernd. Aber irgendwann werde ich daran denken.

So, das sollte eigentlich ein Gruß aus der Küche werden, aber jetzt habe ich mich so in meinen Erinnerungen ausgelassen, daß ich das vorgesehene Rezept gesondert nachreichen werde.



Donnerstag, 14. Februar 2013

Der Auftrag (4)

Später am Tag begab ich mich in unser Postbüro, um einige Briefe und Akten loszuwerden. Dr. Strebsinger befand sich zufällig auch in der Nähe und blaffte mich unvermittelt an:

„Sie müssen jetzt nicht beleidigt sein, bloß weil Sie den Parkplatz freimachen mussten.“

Ich entgegnete betont sachlich aber dennoch freundlich:

„Herr Dr. Strebsinger, ich bin nicht beleidigt, weil ich den Parkplatz räumen musste. Ich bin sauer, weil Sie selbst regelmäßig auf einem Besucherparkplatz stehen, obwohl ihr eigener hinten im Hof frei ist.“

So, nun wird es spannend. Würde er einen Rückzieher machen?

„Herr Paterfelis, ich stehe auf diesem Platz, weil ich immer wieder Außentermine habe und dazu eine Tasche schleppen muß. Außerdem haben nicht SIE mir zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe, sondern der Herr Abteilungsleiter in unserer Hauptverwaltung.“

Oh ja, die Tasche kenne ich. Ein Aktenköfferchen. Wenn er mal wirklich Akten schleppen muß, weil er einen Termin bei Gericht wahrzunehmen hat, benutzt er ein Rollwägelchen. Muß tierisch anstrengend sein, das über nicht mal 100 Meter zu seinem Auto zu bewegen.

„Herr Dr. Strebsinger, ICH habe Ihnen nicht gesagt, was Sie zu tun und zu lassen haben. SIE haben mich angesprochen.“

„Na dann ist es ja gut.“

Jau, bis zum nächsten Mal. Er wird es nie lernen.


(Ende)



Mittwoch, 13. Februar 2013

Der Auftrag (3)

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Zimmer im alten Rathaus wurde von uns für etwa sechs Monate genutzt, bis man uns im neuen Rathaus einen schöneren Raum, hier direkt auch mit ISDN-Anschluss für den Rechner, zur Verfügung stellen konnte. Niemand hat sich beklagt, das Sprechtagsgeschäft konnte nahezu normal abgehalten werden.

Den Weg zurück in die Neustädter Altstadt konnte ich zügig bewältigen. Die Sonne war richtig durchgebrochen, von Schnee und Eis keine Spur mehr. Zurück in der LASA-Außenstelle bemerkte ich zu meinem Missfallen, daß mein Parkplatz durch ein Fahrzeug unserer Kundschaft besetzt war. Das war wenig überraschend, denn die Mitarbeiterparkplätze waren lediglich durch ein winziges, versteckt angebrachtes Schild gekennzeichnet, welches ich selbst erst gefunden hatte, als man mich darauf aufmerksam machte. Denn es gab nicht ein Schild pro Parkplatz, sondern nur ein einzelnes Schild an einer Außenwand des LASA-Gebäudes, wo sich die Besucherparkplätze befanden. Im Vorbeifahren bemerkt das kein Mensch, so daß sich eben auch Besucher des Hauses oder einkaufsbummelnde Stadtbesucher auf unsere Parkplätze verirren.

Ein einzelner Parkplatz war noch frei. Dummerweise war das ein Besucherparkplatz, aber irgendwo musste ich ja das Auto parken. Außerdem wurde der erste und damit in unmittelbarer Nähe der Eingangstür befindliche Besucherparkplatz von dem neuen Wagen Dr. Strebsingers belegt. Kann also nicht so schlimm sein. Also einparken und ab ins Haus, kurz bei Frl. Hasenclever zurückmelden, die mir auch direkt erklärte, daß Dr. Strebsinger und Bürgermeister Meierreich schon miteinander telefoniert hätten und alles soweit in Ordnung war. So ging ich zurück in mein Büro.

„HERR PATERFELIS, KOMMEN SIE DOCH MAL SOFORT IN MEIN BÜRO!“ hallte es über den Gang. Oh oh, eine derart herrische Stimme verhieß nichts Gutes. Also begab ich mich zu Herrn Dr. Strebsinger, der mir direkt erklärte, daß er beobachtet habe, daß ich meinen Wagen auf einem Besucherparkplatz abgestellt habe, was ja wohl auf gar keinen Fall sein dürfe und ich den Wagen sofort zu entfernen hätte. Mein Einwand, daß mein eigener Parkplatz im Gegenzug auch von einem Besucher belegt war, wurde sofort abgewiesen. Mein Auto hätte da zu verschwinden, und zwar SOFORT! Dr. Strebsinger sprach quasi in Großbuchstaben, was mich dazu veranlasste, seiner so ausgesprochenen Verhaltensempfehlung mit sichtbarem Unwillen aber dennoch unverzüglich nachzukommen.

Der werte Leser möge sich vorstellen, mit welchem Aufwand es verbunden ist, nachmittags in einer Innenstadt ohne Parkhaus einen Parkplatz zu bekommen. Ich kurvte schon einige Zeit durch die Gegend, um dann einen durchaus beeindruckenden Fußmarsch zurück ins Büro zu machen. Die Aktion hat etwa eine Dreiviertelstunde meiner wertvollen Arbeitszeit verschlungen. Ich habe es an anderer Stelle schon mal gefragt: Was tut man nicht alles im Dienste der Öffentlichkeit!?

(wird fortgesetzt)



Montag, 11. Februar 2013

Gruß aus der Küche - Hühnersuppe goldgelb

Die zweitbeste Ehefrau von allen hat die allseits um sich schlagende Erkältungswelle zu uns ins Haus geholt und für sich beansprucht. Noch wurde ich verschont und darf mich nur mit den äußeren Auswirkungen herumschlagen. Als Sofortmaßnahme gab es natürlich Hühnersuppe, diesmal allerdings nicht die indisch angehauchte Variante, sondern die goldgelbe.



Man nehme:

1 kg totes Huhn, wir verwendeten Hühnerbrustfilets
2 Liter kaltes Wasser
1 Gemüsezwiebel
3 Knollen Ingwer
2 große Möhren
10 Nelken
1/2 TL Salz
1 EL Chili
5 Lorbeerblätter
10 Körner Piment

Dazu ferner:

500 g Möhren
2 Bund Frühlingszwiebeln
roten Curry oder Madrascurry
Sojasauce
Pfeffer
Muskat
je nach Geschmack Hühnerbrühenpulver


Und weiterhin:

Reis (oder Nudeln – je nach Wunsch)


Die Zwiebel und die beiden großen Möhren vierteln, die Ingwerknollen in Scheiben schneiden. Das kalte Wasser in den Topf geben. Nelken, Piment, Chili und Lorbeerblätter in ein Gewürz-Ei geben, mit Salz, Ingwer und Fleisch in das Wasser geben und aufkochen lassen.

In der Kochzeit von gut einer Stunde die 500 g Möhren und die Frühlingszwiebeln putzen und kleinschneiden.

Das Fleisch und das Gewürz-Ei aus der Brühe entnehmen. Nun die Brühe durch ein feines Sieb geben und das ausgekochte Gemüse herausnehmen. Die Brühe in den gereinigten Topf zurückgeben und das frische Gemüse hinzufügen. Den Ingwer ausdrücken, sofern dies möglich ist, und das Ausgedrückte in die Brühe geben. Uns ist das Ausdrücken nicht gelungen, der Ingwer war zu hart.

Nun das in mundgerechte Stücke geschnittene Fleisch wieder in die Brühe geben und alles mit Curry, Sojasauce, Pfeffer, Muskat und wenn nötig Hühnerbrühenpulver würzen und nochmal gut durcherhitzen. Wir haben dunkle Sojasauce verwendet, was dem goldgelben Aussehen der Brühe etwas abträglich war. Beim nächsten Mal werden wir helle Sojasauce testen.

Den Reis (die Nudeln) bitte separat kochen, eine Portion in den Suppenteller füllen und die Suppe darüber geben.

Gute Genesung.

Der Auftrag (2)

Wie bereits erwähnt, funktionierte das MIST an diesem Tag mal wieder nicht. Serverprobleme in der LASA-Hauptverwaltung in Bad Husten. Bedauerlicherweise bedeutete dies, daß auch der Internetanschluss nicht zur Verfügung stand und ich mir den Weg aus der im Auto befindlichen Straßenkarte raussuchen musste. Navigationssysteme gab es seinerzeit noch nicht zu erschwinglichen Preisen, und ein Smartphone mit integriertem Navigationssystem fiel noch unter den Sammelbegriff Science Fiction. Nein, ich habe den Weg nach Finkenheim ganz klassisch gefunden. Die Fahrt verlief zwar wetterbedingt eher langsam, aber ich habe das neue Finkenheimer Rathaus zu meiner Überraschung ohne nennenswerte Ereignisse und sogar relativ pünktlich erreicht.

Herr Meierreich, ein freundlicher Herr, etwas älter als ich, begrüßte mich direkt und zog mit mir stolz  in die rathauseigene Cafeteria. Ehe ich mich versah, stand ein großer Becher dampfender Kaffee vor mir. Ich hasse Kaffee. Ich bin Teetrinker von Kindheit an. Schwarzer Tee muß es sein, vielleicht auch mal Roter oder Weißer. Den Schwarzen durchaus in verschiedenen Darreichungsformen, bevorzugt nach ostfriesischer Art mit Kandis. Und mit Sahne, zur Not auch Milch, die an einem Löffel vorsichtig seitlich in die Tasse gegeben wurde. Auf keinen Fall umrühren, unten soll sich eine sahnig helle, vom Kandis versüßte Schicht bilden, die nach oben immer dunkler und bitterer wird. Ein Genuss. Die zweitbeste Ehefrau von allen geht immer kaputt wenn sie sieht, daß ich von handwerklichem Ungeschick geschlagener Mensch das hinbekomme, sie aber nicht. Doch wir waren beim Kaffee. Diesen  mag ich nur auf eine ganz bestimmte Art und Weise, und das hier war nicht die mir genehme Variante. Aber was tut man nicht alles im Dienste der Öffentlichkeit? Mit Todesverachtung schaffte ich es, den Becher im Laufe unserer Unterhaltung zu leeren und einen zweiten dankend abzulehnen, bevor es zu spät war.

Das Problem in Finkenheim war, wie ich bereits anmerkte, daß sich verschiedene Dörfer und Gemeinden vor einiger Zeit erst zu einer Stadt zusammengefunden hatten. Der Stadtverwaltung war daran gelegen, ihre bislang dezentralen Strukturen zum Zwecke der besseren Koordination ihrer Aufgaben zu zentralisieren und sich in einem gemeinsamen Gebäude, eben dem neuen Rathaus, anzusiedeln und die alten Rathäuser aufzugeben. Das neue Rathaus war zwar, wie ich es gerade am Beispiel der modernen Cafeteria persönlich in Augenschein nehmen konnte, schon in Betrieb, aber eben noch nicht vollständig. Der weitere Ausbau sollte noch erfolgen, während man einen Großteil der alten Rathäuser bereits aufgegeben hatte. Im neuen Rathaus hatte man aber noch keinen Platz. Man drängte sich zusammen, doch im Moment sehe man sich zum größten Bedauern des Bürgermeisters außerstande einen Raum vor Ort zur Verfügung stellen, in dem wir in nächster Zeit unsere Sprechtage abhalten können. Allerdings sei man sehr daran interessiert, dieses Sprechtagsangebot aufrecht zu erhalten, entlaste es doch auch das eigene Personal.

Der findige Bürgermeister hatte auch schon einen Plan. Die alten Rathäuser standen ja noch zur Verfügung, und auch die Stromversorgung sei da zumindest teilweise gesichert. Da könnte man bestimmt einen Raum finden, er habe da schon ein Objekt im Auge, welches wir doch eben begutachten könnten. Nun denn, dazu hatte ich ja schließlich auch die weite Reise unternommen. So fuhren wir los in Richtung altes Rathaus. Die Sonne hatte sich zwischenzeitlich wieder gezeigt, um uns herum begann es zu tauen. Die Fahrt verlief sehr angenehm und wir erreichten zügig das gewünschte Gebäude.

Das alte Rathaus stand definitiv leer. Im Erdgeschoss gab es in einem Seitengang noch einen kleinen Raum, in dem ein alter Schreibtisch und drei Stühle standen. Hier sollte der Sprechtag abgehalten werden. Als Wartezone für Besucher musste die ansonsten verwaiste Eingangshalle herhalten. Man hatte einige Stühle aufgestellt, darüber hinaus war das Haus nahezu ausgeräumt. In den Ecken fand sich stellenweise etwas Bauschutt und Dreck, hin und wieder stand noch ein einsames, kaputtes Möbelstück herum, das war es. Aber die Lage war gut, unmittelbar an einem Marktplatz, zentral gelegen und hervorragend erreichbar. Auch die Heizung funktionierte, nur die sanitären Anlagen sollten nicht mehr benutzt werden, aber in der Nähe befand sich eine türkische Imbissbude, deren Toilette wir bei Bedarf in Anspruch nehmen könnten. Ich beschloss, dem Ansinnen des Bürgermeisters von Finkenheim zuzustimmen. Es war zwar nicht ein Trauzimmer oder ein unbenutzter Besprechungsraum, wie wir sie sonst von den Gemeinden zur Verfügung gestellt bekommen, aber auch keine im Sommer glutheiße winzige Abstellkammer unter einem Spitzdach, wie ich es auch schon erleben musste. Alle paar Wochen könnte man es hier durchaus für ein paar Stunden oder auch mal einen ganzen Tag aushalten. Es soll schließlich niemand sagen, im öffentlichen Dienst wäre man nicht abenteuerlustig.

(Fortsetzung folgt)



Sonntag, 10. Februar 2013

Der Auftrag (1)

Es war ein kalter, schneereicher Wintertag. Die Büromannschaft im LASA war ziemlich ausgedünnt, viele hatten spontan Urlaub nehmen müssen, weil sie wegen der Witterungsverhältnisse keine Chance hatten, die Neustädter Altstadt, in dem unsere LASA-Außenstelle ihren Sitz hat, zu erreichen. Und mit dem ÖPNV ist das in unserem überwiegend ländlichen Einzugsgebiet auch so eine Sache. Ich genoss die himmlische Ruhe und widmete mich dem mäßig spannenden Inhalt einer Akte. Die Gelegenheit für eine Knobelakte war günstig, denn unsere EDV lief zur Zeit auch mal wieder nicht rund. Und wenn das MIST (Abkürzung für Maschinelles InformationsSysTem) nicht wollte, war es ein günstiger Termin, um sich mal intensiver mit den alten Schätzchen zu befassen, bei denen die moderne Elektronik noch nicht gefordert wurde.

„HERR PATERFELIS!“

Oha, die Stimme meiner Herrin hallte durch den ansonsten leeren Raum.

Ich erwiderte ein fröhliches „Bei der Arbeit, wie immer.“

„Herr Paterfelis, ich brauche sie.“

Hmmm, so was hört man ja als Mann gerne von einer Frau. Aber ob die zweitbeste Ehefrau von allen damit einverstanden sein würde?

„Dr. Strebsinger hat gerade einen Anruf von Herrn Meierreich bekommen. Sie müssen unbedingt nach Finkenheim fahren.“

Herr Meierreich war der Bürgermeister von Finkenheim, einer relativ jungen Stadt in unserem Einzugsgebiet, die sich vor einigen Jahren aus dem Zusammenschluss mehrerer kleiner Käffer gebildet hatte. Wir unterhalten in einem der vielen noch vorhandenen Rathäuser der ehemals selbständigen Stadtteile einen regelmäßigen Bürgersprechtag.

„Ähm, wann soll es denn losgehen?“

„Sofort, Sie haben da um 11 Uhr einen Termin.“

„Was? Jetzt? Haben Sie mal aufs Wetter geguckt? Und wieso ich? Mit den Finkenheimern habe ich doch sonst nichts zu tun.“

„Dr. Strebsinger ist hier heute unabkömmlich, ich habe auch keine Zeit und Sie sind heute mit dem Auto da. Ich habe Ihren Wagen auf dem Parkplatz gesehen.“

Verdammt! Nach Finkenheim sind es mal eben 100 km. Und das durch Eis und Schnee. Komm, erzähl mir nicht, daß der Strebsinger unabkömmlich ist. Der hat einen neuen Wagen und will den nicht riskieren, das ist alles. Sonst lässt der sich die Gelegenheit für ein Pläuschchen mit Obrigkeiten auch nicht entgehen.

„Könnte nicht Sven fahren? Der ist doch sonst immer in Finkenheim.“

„Nein, der hat auch Urlaub genommen. Hat sich festgefahren.“

„Und die Kollegen aus der LASA-Außenstelle Süd-Westwest? Die Dienststelle liegt doch fast in der Nachbarschaft von Finkenheim. Können die nicht im Einzelfall mal…“

„NEIN! Dr. Strebsinger will, daß wir das erledigen.“

Alles klar, ich habe es ja begriffen. Zur Rettung des in der Region guten Rufs unserer Außenstelle konnte also mal wieder nur ich eingesetzt werden. Unmöglicher Auftrag – Paterfelis, übernehmen Sie!


(Fortsetzung folgt)



Regen - Reifen - Karneval


Vor Jahren lebten die zweitbeste Ehefrau und ich noch in einem Landstrich, dessen Einwohner  karnevalistisch – ich bleibe jetzt bei diesem Wort und schreibe die regionalen Alternativen nicht mehr aus - ziemlich aktiv waren. Am Tulpensonntag fand der örtliche Karnevalszug statt. Für Spaßbremsen aus verkleidungsfreien Zonen: Tulpensonntag ist der Sonntag vor Rosenmontag, und Rosenmontag ist der Tag, an dem im ERSTEN fast den ganzen Tag über nichts anderes zu sehen ist als seltsam angezogene Menschen, die zu seltsamer Musik schunkelnd in der Gegend herumstehen und versuchen, billige Bonbons und hochwertigere Wurfmaterialien zu fangen, welche zuvor von anderen seltsam angezogenen Menschen, die sich auf ebenso seltsamen  bunten Wagen oder in einem Pulk ähnlich gekleideter Menschen befinden, in Richtung des jubelnden Volkes geworfen wurden. Die so erbeuteten Bonbons werden dann von den etwas hochwertigeren Wurfmaterialien durch unmittelbares an Ort und Stelle Fallenlassen getrennt und entsorgt.

Diese etwas hochwertigeren Wurfmaterialien, z. B. kleine Pralinenschachteln, Schokoriegel oder Blumensträußchen, sind natürlich etwas seltener zu finden. Die Chancen, mit so einem Kleinod beworfen zu werden, erhöhen sich drastisch, wenn man sich in der Gegend der Ehrentribüne oder im Blickwinkel einer Fernsehkamera positioniert, denn hier steigt die Wurffrequenz nahezu dramatisch an, nur um wenige Meter weiter wieder auf absolute Mindestwerte zurückzufallen.

Wir wissen das, weil wir Spaßbremsen aus nicht verkleidungsfreien Zonen sind.

Jedenfalls konnten wir den Umzug vom Balkon unserer Wohnung aus ansatzweise beobachten.  Als Spaßbremsen zog es uns nicht zum Umzug. Zusätzlich habe ich ohnehin eine tiefgründige Abneigung gegen sich zusammenrottende Menschenmassen im Allgemeinen, sofern diese aus mehr als drei Personen bestehen,  jeglicher Art von dicht gedrängten Menschenmassen, die aus noch mehr Personen bestehen im Speziellen und enthemmten Menschenmassen von unabhängiger Personenzahl im Besonderen. So versuchten wir stets, das Ganze möglichst unbeschadet zu überstehen. Aber auf den Tulpensonntag haben wir uns immer gefreut. Besonders bei Regen. Es genügte uns, wenn dieser über Nacht gefallen war. Unser Bestreben lag schließlich nicht darin, den enthemmten Menschenmassen den Umzug zu versauen. Schließlich waren die weit genug weg.

Wir wohnten am Rand eines Neubaugebietes. Direkt nebenan begann unbebautes und zivilisatorisch noch nicht erschlossenes Terrain. Dieses wurde von den Besuchern des Karnevalszuges gerne als Parkplatz genutzt. Kaum begann es zu regnen, begann die Show. Der Boden weichte auf und die Räder der Autos drehten durch, was zu durchaus erheiternden Situationen führte, soweit es uns betraf. Schadenfreude ist schließlichdie schönste Freude. Ich bekenne mich dazu.

Unvergessen blieb der Familienvater mit Frau und zwei Teeangern, der mit seinem Wagen im Matsch liegengeblieben war. Die Türen des Wagens wurden geöffnet und man begann, an den Holmen zu schieben. Dies aber nur mit begrenztem Erfolg, die Antriebsräder gruben sich immer mehr ein. Dann kam der ultimative Geistesblitz: Man positioniert die Familie hinter dem Wagen. Wahrscheinlich war der Grundgedanke, die Schubkräfte zu bündeln.

Die so positionierten Familienangehörigen durften schieben, währen der Irre Vollgas gegeben hat. Immer und immer wieder. Langanhaltend. Ich muß das Ergebnis der Aktion, soweit es die schiebende Familie betraf, wohl nicht näher beschreiben. War aber nicht so schlimm, die Klamotten waren vom vorherigen Versuch dank Frontantrieb ohnehin schon eingesaut.

Nächster Versuch: Im Wagen befand sich eine Plastiktüte mit irgendeinem Inhalt. Letzteren entleerte man in den Kofferraum und machte das mit der Tüte, wozu sich die Fußmatten wohl besser geeignet hätten: Man legte sie unter eines der Heckräder und gab Vollgas. Auch hier blieb der erhoffte Erfolg – nun sagen wir mal – den Umständen geschuldet aus.

Neuer Versuch: dieses Mal mit Fußmatten unter den Antriebsrädern, dazu Rückwärtsgang und von vorne schiebende Familie. Luft anhalten, abwarten, Gas geben, Fußmatten unter den Rädern durchziehen, eine der Fußmatten in Folge dessen mit ordentlichem Schwung gegen die Ehefrau klatschen lassen und schon kam der Wagen frei.

Man denkt ja immer, solche Dinge passieren nur in Filmkomödien, aber das hier war harte Realität. Oder die von uns zeitweise vermutete versteckte Kamera war zu gut versteckt. Jedenfalls kam hinterher niemand aus irgendeinem Busch gesprungen, um die Situation aufzulösen. Wir haben die Zeit gestoppt, und so können wir sagen, daß der Wagen nach einer Vielzahl von Versuchen und 20 Minuten später wieder festen Grund erreicht hat.

Für uns vollkommen unbegreiflicherweise verließ man sofort den schönen Parkplatz und trat vermutlich den Heimweg wieder an.

Wie blöd können Menschen eigentlich sein? Nein, vergesst die Frage, die war rhetorisch gemeint. Ich kenne die Antwort leider nur zu gut.